Natur – Glaube – Wissen

Wunder

Ex porticibus sapientiae: • Gehirn und Geist •
• Chronik der Kommentare •

Orietur Occidens

E&E 20 S.7-26 2015 

Pfarrer Ulrich Terlinden

Wunder – Wahrheit – Wirklichkeit

Einleitung

Gottfried Wilhelm Leibniz stellt die Frage: „Warum gibt es etwas und nicht vielmehr nichts?“ Von einem Wunder sprechen wir, wenn sich etwas Unerwartetes und nach den Maßstäben der Erfahrung Unerklärliches ereignet. Das Wunder gehört in den Bereich des Religiösen und Metaphysischen: Es ist ein Ereignis, von dem wir annehmen, daß es mit einer uns normalerweise unzugänglichen, nicht wahrnehmbaren Realität in Beziehung steht. Über Unerwartetes „wundern“ wir uns. Aber ist nicht die Tatsache, daß überhaupt etwas existiert, ein Wunder? Und dann, daß etwas lebt und sich fortpflanzt? Und schließlich, daß wir darüber nachdenken können? Ein gerade Vater gewordener Freund sagte, daß er die nicht verstehen könne, die nicht an Wunder glauben. Er müsse nur sein Kind ansehen – das sei doch ein Wunder.
Unser Nachdenken über Wunder im engeren Sinn, also über unerwartete, unerklärliche Ereignisse ist hier einzuordnen: Kosmos, Leben und Geist sind ja eigentlich auch unerwartet und unerklärlich. Wir haben uns nur daran gewöhnt.
Gibt es aber Wunder im engeren Sinn? Menschen der Moderne hegen gegenüber Wundern Zweifel: Nicht nur die alltägliche Erfahrung, auch die Erkenntnisse der Naturwissenschaften sprechen gegen deren Existenz. Wunder werden als etwas noch nicht Erklärbares angesehen. Weitere wissenschaftliche Erkenntnisse werden vermutlich zu deren Erklärung führen.
Versuchen wir, uns von den Grundlagen und der Frühzeit der Menschheit her dem Thema zu nähern.

1. Der Gottesglaube

Im Unterschied zum Rest der Schöpfung glaubt der Mensch (von Ausnahmen abgesehen), an eine irgendwie geartete unsichtbare Macht, der er sein Dasein verdankt und von der er abhängt. Schon bevor wir von Offenbarungen und übernatürlichen Phänomenen sprechen, nehmen wir den Menschen als ein transzendentales Wesen wahr, das über sich, Ursprung, Sinn und Ziel seines Daseins nachdenkt und dies außerhalb von sich selbst annimmt, nämlich in etwas „Höherem“. Dabei bleibt die Frage noch offen, ob der Glaube an die unsichtbare Welt der Wirklichkeit entspricht.
Die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse der Neuzeit haben diesen „natürlichen“ Gottesglauben in eine schwere Krise gestürzt. Der folgenreichste Schlag war die Erfindung des Blitzableiters, dem die Erkenntnis vorausgegangen war, daß Blitze physikalisch erklärbare elektrische Entladungen sind – und damit keine „Pfeile“ aus dem Jenseits. Aus dieser „natürlichen“ Erklärung eines bis dahin für übernatürlich gehaltenen Phänomens folgte der Verdacht, daß auch vieles oder gar alles, was man bisher auf das Wirken einer höheren Macht zurückgeführt hatte, mit dem Fortschritt der Naturwissenschaft natürlich zu erklären sei.
Übrigens hat diese „moderne“ Weltsicht, für die nur das existiert, was naturwissenschaftlich meßbar ist, zu dem Phänomen geführt, daß Menschen, die sich auf die Vernunft berufen, allen Ernstes behaupten, daß aller Wahrscheinlichkeit nach keinen Gott gebe. Sie sind sich in ihrer naturwissenschaftlich eingeschränkten Weltsicht gar nicht mehr dessen bewußt, daß man für diese Behauptung einen wenigstens ebenso starken Glauben braucht wie den an Gott.
Es ist ein „unausrottbares“ Phänomen, daß der Mensch sich sein Leben und die Existenz der Welt nur mit etwas erklären kann, das außerhalb der erfahrbaren Welt liegt. Und wenn dieses „Etwas“ nicht Gott sein darf, weil nicht sein kann, greift er im Zweifelsfall auf Mikroorganismen zurück, die sich überall im Universum befänden und in einer Art von intergalaktisch-verschwörerischem unpersönlichem Denkvorgang die Geschicke des Alls bestimmten, wie der Verfasser es einmal in Brandenburg gehört hat.
Wohl nicht zuletzt aus der Erkenntnis der eigenen Abhängigkeit von der „unsichtbaren Welt“ heraus haben alle menschlichen Kulturen Tempel und Kulte hervorgebracht. Das entspringt dem Bedürfnis des Menschen, die jenseitige Macht zu verehren, gütig zu stimmen oder zu bitten – einer „Götterangst“. Diese „(Rück-) Bindung“ an das Höhere heißt „Religion“.
Erst in der Moderne kommen Ideologien anscheinend ohne das Jenseits aus – aber nicht ohne Ersatzkulte, die das Leben irgendwie deuten und damit auch „sichern“ (Jugendweihe, Leninmausoleum, Hitlerdevotionalien). Auch gottlose Ideologien sind Glaube: Der Kommunismus z. B. verheißt die Herstellung des Paradieses auf Erden durch die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und der Arbeit. Wer vor dem Erreichen dieses Zieles stirbt, hat zwar persönlich Pech gehabt, aber er hat dem großen Ziel gedient und wird zum Heiligen, zum „Helden der Arbeit“.
Wenn es nun aber Gott, ein Jenseits, eine unsichtbare Welt geben sollte, kann man das erkennen? Kann man von irgend etwas, was unserer Erfahrung zugänglich ist, auf Gottes Existenz und sein Wirken schließen? Gibt es also eine für uns erkennbare Verbindung zwischen Diesseits und Jenseits?

2. Offenbarung: Abraham, Mose, Israel

Die Bibel bezeugt, daß es Gott gibt, daß der Mensch ihn wahrnehmen kann und daß Gott sich dem Menschen offenbart. Die Erzählungen des Alten Testaments berichten von solchen Menschen. Abraham ist der erste und wird darum auch Stammvater des Glaubens genannt. Für das Volk Israel ebenso wichtig ist Mose, dessen Begegnungen mit Gott im brennenden Dornbusch, auf dem Sinai und später immer wieder im Bundeszelt Schlüsselszenen des jüdischen Glaubens und Selbstverständnisses sind.
Im Laufe der Befreiung Israels und des anschließenden Bundesschlusses geschieht das Unglaubliche: Gott läßt sich von Menschen sehen:
Nach dem Bundesschluß am Sinai heißt es (Exodus 24, 9-18):
Danach stiegen Mose, Aaron, Nadab, Abihu und die siebzig von den Ältesten Israels hinauf, und sie sahen den Gott Israels. Die Fläche unter seinen Füßen war wie mit Saphir ausgelegt und glänzte hell wie der Himmel selbst. Gott streckte nicht seine Hand gegen die Edlen der Israeliten aus; sie durften Gott sehen und sie aßen und tranken. (...)
Dann stieg Mose auf den Berg, und die Wolke bedeckte den Berg. Die Herrlichkeit des Herrn ließ sich auf den Sinai herab, und die Wolke bedeckte den Berg sechs Tage lang. Am siebten Tag rief der Herr mitten aus der Wolke Mose herbei. Die Erscheinung der Herrlichkeit des Herrn auf dem Gipfel des Berges zeigte sich vor den Augen der Israeliten wie verzehrendes Feuer. Mose ging mitten in die Wolke hinein und stieg auf den Berg hinauf. Vierzig Tage und vierzig Nächte blieb Mose auf dem Berg.
Gott selbst wird für einige Auserwählte sichtbar, seine „Herrlichkeit“ aber auch für das ganze Volk.
Entscheidend für die sichtbare Gegenwart Gottes ist Exodus 33 und 34: Mose „nahm das Zelt“ (33, 7), das nicht das Bundeszelt sein kann, denn die Anweisung zu dessen Errichtung ist gerade erst ergangen, vielleicht ein älteres Zeltheiligtum. In diesem Zelt begegnet er Gott und spricht mit ihm „Auge in Auge, wie Menschen miteinander reden“ (33, 11). Dennoch bittet Mose ihn, seine Herrlichkeit sehen zu dürfen (33, 17). Die Begegnungen scheinen also irgendwie verhüllt verlaufen zu sein, nicht vollends offenbar.
Mose sagte zum Herrn: Du sagst zwar zu mir: Führ dieses Volk hinauf! Du hast mich aber nicht wissen lassen, wen du mitschickst. Du hast doch gesagt: Ich kenne deinen Namen und habe dir meine Gnade geschenkt. Wenn ich aber wirklich deine Gnade gefunden habe, so laß mich doch deinen Weg wissen! Dann werde ich dich erkennen und es wird sich bestätigen, daß ich deine Gnade gefunden habe. Sieh diese Leute an: Es ist doch dein Volk!
Der Herr antwortete: Mein Angesicht wird mitgehen, bis ich dir Ruhe verschafft habe. Mose entgegnete dem Herrn: Wenn dein Angesicht nicht mitgeht, dann führ uns lieber nicht von hier hinauf! Doch wohl daran, daß du mit uns ziehst. Und dann werden wir, ich und dein Volk, vor allen Völkern auf der Erde ausgezeichnet werden.
Der Herr erwiderte Mose: Auch das, was du jetzt verlangt hast, will ich tun; denn du hast nun einmal meine Gnade gefunden, und ich kenne dich mit Namen.
Im Gespräch zwischen Gott und Mose wird eine Intimität und Direktheit der Beziehung deutlich; die archaische „Gottesangst“ ist verschwunden. Mose bittet um Zeichen, die sein Vertrauen begründen sollen, da er Verantwortung für das Volk übernommen hat. Gott reagiert auf diese Bitte, indem er Mose seine Schönheit zeigt, nicht aber sein Angesicht, was für unsere Überlegungen bedeutend ist.
Dann sagte Mose: Laß mich doch deine Herrlichkeit sehen! Der Herr gab zur Antwort: Ich will meine ganze Schönheit vor dir vorüberziehen lassen und den Namen des Herrn vor dir ausrufen. Ich gewähre Gnade, wem ich will, und ich schenke Erbarmen, wem ich will. Weiter sprach er: Du kannst mein Angesicht nicht sehen; denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben. Dann sprach der Herr: Hier, diese Stelle da! Stell dich an diesen Felsen! Wenn meine Herrlichkeit vorüberzieht, stelle ich dich in den Felsspalt und halte meine Hand über dich, bis ich vorüber bin. Dann ziehe ich meine Hand zurück und du wirst meinen Rücken sehen. Mein Angesicht aber kann niemand sehen (Ex 33, 12-23).
Nach dem Bundeschluß und der Offenbarung am Sinai baut Mose nach Gottes genauer Anordnung das (neue) Offenbarungs- oder Bundeszelt. Von der Einweihung berichtet Exodus 40. In unserem Zusammenhang wichtig ist nun Ex. 40, 34:
Dann verhüllte die Wolke das Offenbarungszelt und die Herrlichkeit des Herrn erfüllte die Wohnstätte. Mose konnte das Offenbarungszelt nicht betreten, denn die Wolke lag darauf, und die Herrlichkeit des Herrn erfüllte die Wohnstätte.
Der unsichtbare und jenseitige Gott läßt seine „Herrlichkeit“ (Schechina) sichtbar werden und mit seinem Volk ziehen. Bemerkenswert ist, daß die einstige „Intimität“ der Begegnungen zwischen Gott und Mose nun durch die Herrlichkeit Gottes einem ehrfürchtigen Abstand weicht.
Später sieht Mose Gott nicht mehr:
Wenn Mose das Offenbarungszelt betrat, um mit dem Herrn zu reden, hörte er die Stimme zu ihm reden. Sie sprach zu ihm von der Deckplatte her, die auf der Lade der Bundesurkunde lag, aus dem Raum zwischen den Cherubim (Dtn. 7, 89).
König Salomon wird das Zeltheiligtum durch den Tempel in Jerusalem ersetzen, wo die Herrlichkeit nun ihren festen Ort hat und Gott seinen Namen wohnen lassen will. Der König sagt am Tag der Tempelweihe:
Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels. Seine Hand hat ausgeführt, was sein Mund meinem Vater David verheißen hat, als er sprach: Seit dem Tag, da ich mein Volk Israel aus Ägypten führte, habe ich aus keinem der Stämme Israels eine Stadt für den Bau eines Hauses erwählt, um meinen Namen dort wohnen zu lassen. David aber habe ich zum Herrscher über mein Volk Israel erwählt. Mein Vater David wollte dem Namen des Herrn, des Gottes Israels, ein Haus bauen. Doch der Herr sprach zu ihm: Wenn du dir vorgenommen hast, meinem Namen ein Haus zu bauen, hast du einen guten Entschluß gefaßt. Doch sollst nicht du das Haus bauen; sondern erst dein leiblicher Sohn soll meinem Namen das Haus bauen. Der Herr hat jetzt sein Versprechen, das er gegeben hat, wahr gemacht: Ich bin an die Stelle meines Vaters David getreten und habe den Thron Israels bestiegen, wie es der Herr zugesagt hatte. Ich habe dem Namen des Herrn, des Gottes Israels, das Haus gebaut und darin einen Raum für die Lade geschaffen. Sie enthält die Tafeln des Bundes, den der Herr mit unseren Vätern geschlossen hat, als er sie aus Ägypten führte (I Kön. 8, 15-20).
Dies ist sozusagen der Endzustand im Alten Bund: Die Herrlichkeit Gottes hat ihren Ort in Jerusalem (und nur dort). Im Tempel – dem einzigen der Juden – geschieht demnach die räumlich-wirkliche Gottesbegegnung, die der inneren, geistlichen vorgeordnet ist, zumindest in der Sicht der Hohenpriester und der Tempelaristokratie.
In Opposition dazu treten regelmäßig Propheten auf, deren Tempelkritik sie in Lebensgefahr bringt. Die Pharisäer zur Zeit Jesu stehen ebenfalls in kritischer Distanz zum Tempel und haben daher im Rabbinentum dessen Zerstörung geistlich überstehen können.

3. Jesus von Nazareth: Das Reich Gottes

Wunder heißt im Griechischen thaûma = Wunder, Kunststück, Gauklerstück; etwas Staunenerregendes, dessen Zustandekommen man sich nicht erklären kann.
Im NT wird aber hauptsächlich von dýnamis = Macht(tat) gesprochen.
Johannes spricht nur von semeîon (Zeichen, Kennzeichen, Merkmal).
Jesus von Nazareth steht anscheinend eher auf der Seite der Tempelkritiker – was ihm ja auch zum Vorwurf gemacht wird (vgl. Mk. 14, 58; 15, 29!). Doch das Verhältnis Jesu zum Heiligtum ist tiefer: Als 12jähriger bleibt er „in dem, was seines Vaters ist“ (vgl. Lk. 2, 49).
Nach der Tempelreinigung kündet er eine neue Ära der Gottesnähe an, die durch seinen Tod und seine Auferstehung anbricht:
Da stellten ihn die Juden zur Rede: Welches Zeichen läßt du uns sehen als Beweis, daß du dies tun darfst? Jesus antwortete ihnen: Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten. Da sagten die Juden: Sechsundvierzig Jahre wurde an diesem Tempel gebaut und du willst ihn in drei Tagen wieder aufrichten? Er aber meinte den Tempel seines Leibes (Joh. 2, 18-21).
Vor dem Hintergrund des Alten Bundes ist zu verstehen, was die Schriften des Neuen Testamentes über Jesus von Nazareth schreiben, nämlich daß in ihm die Herrlichkeit Gottes in Menschengestalt erschienen, hörbar, sichtbar und anfaßbar geworden ist:
♦ „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit“ (Joh. 1, 14).
♦ „Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefaßt haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens“ (I Joh. 1, 1).
Die verhüllte Gegenwart Gottes, die sich sozusagen noch im Modus der Verheißung ereignete, ist erfüllt und enthüllt worden in Jesus Christus: „Wer mich sieht, sieht den Vater“ (Joh. 12, 45).
Bei der Taufe Jesu im Jordan zu Beginn seines öffentlichen Wirkens, durch die er kosmisch-symbolisch das Sündenleid aller Menschen, ja die Vergänglichkeit der ganzen Schöpfung auf sich nahm, „da öffnete sich der Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe“ (Mt. 3, 16b.17).
Das Öffnen des Himmels bedeutet, daß das Jenseits erfahrbar wurde. Romano Guardini schreibt dazu in „Der Herr“: „Die Schranke, die den allgegenwärtigen Gott in seinem Himmel, seinem seligen Bei-sich-Sein, von uns absperrt – nämlich der Mensch selbst in seiner gefallenen Geschöpflichkeit, und daß er die Welt mit sich gerissen hat und sie nun der Vergänglichkeit unterworfen ist (vgl. Röm. 8, 20) – diese Schranke tut sich auf.“
Der Geist Gottes – Gottes Liebe! – nimmt eine Gestalt an, was ja zumindest im Diesseits für einen Geist ebenso ungewöhnlich ist – für die Liebe noch mehr – wie die akustische Hörbarkeit der Stimme Gottes. Jesus nennt diese Überwindung der Jenseitsgrenze von Gott her das Reich Gottes, das er in seinem öffentlichen Wirken durch Wort und Tat machtvoll kundtut. Die Wunder Jesu sind materiale Konkretisierungen dieser Gegenwart Gottes: Wo Gott ist, muß alles Unheil schwinden.
Das erste „Zeichen“ Jesu im Johannesevangelium ist das Weinwunder zu Kana. Die Erzählung endet:
Diesen Anfang der Zeichen machte Jesus zu Kana in Galiläa und offenbarte seine Herrlichkeit; und seine Jünger glaubten an ihn (Joh. 2, 11; Elberfelder Bibel).
In Jesus ist die Schechina, die Herrlichkeit Gottes, nach dem Tempelbau nicht nur wieder mobil, sondern persönlich geworden: Er und der Vater sind eins (vgl. Joh. 10, 30). Wo er ist, bricht das Heil an: Seine Zeichen machen Gottes Herrlichkeit offenbar (vgl. den Riß des Tempelvorhangs, Mt. 27, 51 par.) und wollen den Glauben der Menschen erwirken.
Glaubt mir doch, daß ich im Vater bin und daß der Vater in mir ist; wenn nicht, glaubt wenigstens aufgrund der Werke (Joh. 14, 11)!
Bemerkenswert für unser Thema ist die Geschichte von der blutflüssigen Frau:
Sie hatte von Jesus gehört. Nun drängte sie sich in der Menge von hinten an ihn heran und berührte sein Gewand. Denn sie sagte sich: Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt. Sofort hörte die Blutung auf und sie spürte deutlich, daß sie von ihrem Leiden geheilt war (Mk. 5, 27 ff).
Denn völlig konsequent ergibt sich aus der Erkenntnis der Gegenwart Gottes auf der Erde der Wunsch nach Berührung, der sich aus der Hoffnung auf Heilung speist. Hier sehen wir einen Übergang vom Christusereignis zu den Wundern an heiligen Orten und Gegenständen.
Die Auferstehung Jesu von den Toten beseitigt für die Augenzeugen den letzten Zweifel an der machtvollen Wirklichkeit des Himmels so überzeugend, daß sie „unmöglich schweigen können über das, was (sie) gesehen und gehört haben“ (Apg. 4, 20) und bereit sind, dafür den Tod auf sich zu nehmen.

4. Reliquien Christi

(Literaturhinweis: Reiner Sörries: Was von Jesus übrigblieb. Die Geschichte seiner Reliquien. Kevelaer 2012)
Die Wunder Jesu und auch das Wunder aller Wunder, seine Auferstehung von den Toten, sind für die nachgeborenen Menschen nicht erfahrbar. Unser Glaube baut auf das Zeugnis der Zeitgenossen Jesu. Läßt Gott also sein Volk wieder „im Dunkeln“? Warum durften die Menschen vor 2000 Jahren etwas so Großartiges sinnlich erleben und wir nicht?
Seit der Himmelfahrt Jesu – bedeutet die Wolke, daß der Himmel sich dabei wieder geschlossen hat? – geht das Reich Gottes in eine neue Seinsweise über. Den in den Himmel schauenden Jüngern wird von einem Engel – einem Jenseitswesen immerhin – gesagt, daß er wiederkommen wird (Apg. 1, 11). Jesus hatte verheißen, daß er bei den Seinen bleiben werde bis zum Ende der Welt (= des Diesseits, Mt. 28, 20). Nun gilt, was er auf Erden gesagt hatte: „Gott ist Geist, und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten“ (Joh. 4, 24).
Doch welche Folgen haben die Menschwerdung Gottes, die Öffnung des Himmels und das angebrochene Reich Gottes für die Nachgeborenen?
Für die ersten Christen war es selbstverständlich, Gegenstände, die Jesus berührt hatten, aufzubewahren und in Ehren zu halten. Auffällig ist das Interesse für die Grabtücher im Johannesevangelium (20, 5-7).
Im Grabtuch (Turin) sind Abdrücke des Gekreuzigten zu sehen, die nicht von Menschenhand gemalt sind. Noch eindrucksvoller ist das Muschelseidentuch von Manopello, das den Auferstandenen zeigt und das voller Geheimnisse steckt, unter anderem, weil Muschelseide überhaupt nicht bemalbar ist, weil das Bild nicht von Menschenhand gemalt sein kann und weil das Gesicht exakt dem des Turiner Grabtuchs entspricht.
Daß der Abendmahlskelch aufbewahrt wurde, wäre nur allzu verständlich (heute in Valencia?). Auch daß sich die Jerusalemer Christen nach dem Jahr 313 noch erinnerten, wo das Grab und das Heilige Kreuz waren, ist angesichts der Erzählkultur damals gut denkbar.
Das sind „Überreste“ der Inkarnation. Doch es sind nur„tote“ Gegenstände. Vielleicht geschahen damals an ihnen Wunder?

5. Heilungen und Totenauferweckungen in der jungen Kirche

In der Apostelgeschichte (2, 43 u. ö.) wird berichtet, daß durch die Hände der Apostel viele Zeichen und Wunder geschahen – bis hin zu Totenerweckungen (9, 40). Solches geschieht in der jungen Kirche immer wieder, auch nach der Apostelzeit. Das, was die Zeitzeugen an Jesus erfuhren, geht weiter durch den „Leib Christi“, die Kirche. Die Schechina ist nach Christi Himmelfahrt „universal“ geworden.
Diese Wunder scheinen ein besonderes Phänomen der Anfangszeit zu sein. Sie wollen vom Äußeren zum Inneren führen, vom Spektakulären zum vertrauensvollen Glauben. Tatsächlich kann man hinsichtlich seines unmittelbar erfahrbaren Wirkens also von einemgewissen „Rückzug“ Gottes aus dem Diesseits sprechen. Er scheint die diskrete Gegenwart durch den Heiligen Geist in der Kirche, in der Seele des Menschen, im Wort des Glaubens und den Sakramenten zu bevorzugen.

6. Übernatürliche Phänomene

Für alle, die die Wunder Christi und seine Auferstehung nicht erlebt haben, besteht das Problem, daß der Glaube an ihn auf Zeugen angewiesen ist. Da auch die Zeitzeugen lange tot sind, entfernt sich das Konkrete und Überzeugende der Fleischwerdung des Wortes immer weiter. Glaubenszweifel sind natürlich.
Durch alle Zeiten berichten einzelne Menschen immer wieder von übernatürlichen Phänomenen, die häufig geradezu eine Antwort auf den Zweifel zu sein scheinen. Hier sind wir bei der Kernfrage unserer Überlegungen: Ist der Himmel auch heute noch offen? Zugleich wird das Problem unserer Überlegungen aber auch nicht gelöst, wenn sich die übernatürlichen Phänomene als wirklich erweisen und nicht nur als „innere“ und damit zweifelhafte Vorgänge (Autosuggestionen). Denn wenn man das „Wunder“ nicht selbst erlebt hat, ist die Frage der Wirklichkeit ja durch lebende Zeitzeugen höchstens entschärft, aber nicht abschließend beantwortet.
Damit wird die Bedeutung der Wunder in der Zeit der Kirche eingeordnet: Sie sind nicht Teil des christlichen Glaubens, sondern – soweit sie wirklich sind – dienen ihm. Für den, dem ein Wunder geschieht, wird es existentiell sein, vielleicht auch für einen Ort, eine Gemeinschaft o.a. Immer aber dienen diese Wunder der Bestätigung oder Erinnerung des immer schon Geglaubten. Sie sind eben Zeichen, die dem Wesen, Leben und Wirken der Kirche unter- und auf diese hingeordnet sind. Sie sind Hilfsangebote für den Glauben.
Das wiederum bedeutet: Man muß nicht an (die nach der Himmelfahrt Jesu „geschehenen“) Wunder glauben. Daher kann man sich dem Thema mit aller Offenheit und Neugier nähern, ohne sich gegebenenfalls ein „katholisches Augenzwinkern“ verkneifen zu müssen.
(Frei nach Umberto Eco: „Nicht die Reliquie macht den Glauben, sondern der Glaube macht die Reliquie.“ Aus: Die Fabrikation des Feindes und andere Gelegenheitsschriften, o. S.)

6.1 Eucharistische Wunder

Ist bereits das schon erwähnte Grabtuch von Turin ein bemerkenswertes „Zeichen“, das auf die Göttlichkeit des Gekreuzigten hindeutet, so wird ab dem Hochmittelalter vermehrt von eucharistischen Wundern berichtet. Eines der wichtigsten ist das Blutwunder von Bolsena, von dem man bei Wikipedia liest:
„Der Priester Peter von Prag soll nach Zweifeln am Dogma der Transsubstantiation 1263 in Bolsena das Brot für die Kommunion gebrochen und dabei Blutstropfen darauf entdeckt haben. Papst Urban IV. ließ das Altartuch mit den vermeintlichen Blutflecken nach Orvieto bringen. Das Blutwunder von Bolsena war Anlaß für die Einführung des Fronleichnamsfestes 1264. Papst Nikolaus III. veranlaßte den Bau des Doms von Orvieto, in dem das Altartuch (Korporale) heute noch als Reliquie aufbewahrt wird.
Heute nimmt man an, daß die „Blutstropfen“ durch Prodigiosin rot gefärbte Kolonien von Serratia marcescens waren, die auf Brot und Hostien einen guten Nährboden finden („Hostienphänomen“) und darauf wachsen, wenn diese Materialien nicht ausreichend trocken gehalten werden. Der Grund dafür, daß dieses Phänomen erst im 13. Jahrhundert auftrat, dürfte sein, daß erst seit dieser Zeit ungesäuerter Teig für Hostien verwendet wird. Auf Sauerteigen kann das Bakterium nicht wachsen“ (Quelle: Wikipedia).
Thomas von Aquin hat das Offizium des Fronleichnamsfestes übrigens in Orvieto zusammengestellt und verfaßt.
Trotz der zitierten naturwissenschaftlichen „Erklärung“ auf Wikipedia gibt es bis in unsere Zeit viele andere eucharistische Blutwunder, ja sogar solche, bei denen das gewandelte Brot sich in menschliches Herzgewebe verwandelt haben soll. Die Blutgruppe aller eucharistischen Wunder ist dieselbe (AB+).
Ein jüngeres Blutwunder ereignete sich in der 1990er Jahren in Buenos Aires.
Das Ereignis begann 1992 im selben Jahr und Monat, in dem Jorge Mario Bergoglio von Papst Johannes Paul II. aus der argentinischen Provinz zurückgerufen und zum Weihbischof von Buenos Aires ernannt wird. Alles geschah in der Pfarrkirche Santa Maria im Viertel Almagro y Caballito in der Altstadt von Buenos Aires. Am 1. Mai 1992, einem Freitag, wurden zwei konsekrierte Hostien auf dem Korporale des Tabernakels gefunden. Auf Anweisung des Pfarrers, Pater Alejandro Pezet, wurden sie in einen Wasserbehälter gelegt und im Tabernakel verschlossen, wie es in solchen Fällen üblich ist. Nach mehreren Tagen hatten sich die Hostien aber nicht aufgelöst. Eine Woche später, am Freitag, den 8. Mai 1992, waren die beiden Hostien wie mit Blut durchtränkt. Am Sonntag, den 10. Mai 1992, wurden während der Abendmesse auch auf der Patene, auf die die konsekrierte Hostie während der Eucharistiefeier gelegt wird, Bluttropfen entdeckt. Das Blut wurde von einem Arzt und mehreren Hämatologen untersucht. Alle stellten zweifelsfrei fest, daß es sich um menschliches Blut handelte.
Am 15. August 1996, dem Hochfest Maria Himmelfahrt, als während der Heiligen Messe die Kommunionspendung beendet war, näherte sich eine Frau Pfarrer Pezet und sagte ihm, sie hätte auf der Rückseite der Kirche eine offensichtlich profanierte Hostie gefunden. Der Priester eilte hinaus, um sie aufzulesen, und legte auch diese in ein Wasserglas, damit sie sich auflöst. Statt sich aufzulösen, verwandelte sich die Hostie jedoch in ein blutiges Fleischstück. Von dieser Metamorphose wurde umgehend der damalige Erzbischof von Buenos Aires, Antonio Kardinal Quarracino (1990-1998) und dessen Weihbischof Jorge Mario Bergoglio informiert. Dieser beauftragte den Pfarrer, von einem Fotografen alles ablichten zu lassen. Die Aufnahmen wurden am 6. September 1996 gemacht und nach Rom geschickt.
Als auch nach mehreren Jahren keine Zeichen eines Zerfallsprozesses erkennbar waren, erlaubte der inzwischen zum Erzbischof von Buenos Aires gewordene heutige Papst eine gründliche Untersuchung. Eine Gewebeprobe des Fleischstückes, in das sich 1996 die aufgefundene Hostie im Tabernakel verwandelt hatte, wurde gerichtsmedizinisch untersucht. Dabei wurde festgestellt, daß es sich mit Sicherheit um den Teil eines Menschenherzens handelt. Wie das pathologische Institut weiter feststellte, mußte es sich um das Herz eines noch lebenden Mannes handeln. Es handelt sich um lebende Zellen. Der beauftragten Gerichtsmedizin war die Herkunft der Gewebeprobe nicht mitgeteilt worden, um das Ergebnis in keine Richtung zu beeinflussen.
Im selben Jahr wurde der bekannte, unter anderem in Deutschland ausgebildete Neuropsychophysiologe Ricardo Castañon Gomez aus Bolivien mit der Durchführung einiger weiterer Untersuchungen beauftragt. Diesmal an beiden mutmaßlichen eucharistischen Wundern, jenem von 1992 und jenem von 1996. Am 6. Oktober 1999 entnahm Castañon in Anwesenheit von Vertretern des Erzbischofs und eines Notars je eine Blutprobe und schickte sie an das gerichtsmedizinische Institut Forense Analytical von San Francisco in den USA. Die Entnahme war vom Erzbischof mit Rom abgesprochen worden. Direkter Ansprechpartner war der Kirchenrechtler und heutige Kurienbischof Gianfranco Girotti, der Privatsekretär von Joseph Kardinal Ratzinger, dem damaligen Präfekten der Glaubenskongregation. Am 28. Januar 2000 wurde das Ergebnis bekanntgegeben. Das Institut stellte fest, daß es sich um menschliches Blut handelte und bestätigte damit die bisherigen Untersuchungen. Der DNA-Code sei eindeutig menschlich. Die Proben wurden ebenso an Professor John Walker von der University of Sydney in Australien geschickt, der unabhängig von den anderen Untersuchungen feststellte, daß die Muskelzellen und Weißen Blutkörperchen von einem Menschen stammen und vollkommen intakt sind. Aus den Untersuchungen ging zudem hervor, daß das Gewebe entzündet war, was bedeutet, daß die Person, zu dem es gehört, ein Trauma erlitten hatte. 2003 teilte Walker Castañon mit, daß die Proben mit einem entzündeten männlichen, nach allen Merkmalen noch lebenden Herzen übereinstimmen.
Um die Sache weiter zu vertiefen, wurden daraufhin die Proben dem bekannten Spezialisten für Herzerkrankungen Frederic Zugibe von der Columbia University von New York, einem der renommiertesten Gerichtsmediziner der USA übermittelt. Am 26. März 2005 legte er das Ergebnis seiner Untersuchungen vor. Das analysierte Material stellte er als Fragment des Herzmuskels fest, das aus der linken Herzkammer nahe der Aortenklappe stamme. Die linke Herzkammer pumpt das Blut in alle Körperteile. Der untersuchte Herzmuskel, so Zugibe, befindet sich in einem entzündeten Zustand und enthält eine große Zahl weißer Blutkörperchen. Das weise daraufhin, daß das Herz lebte, als ihm die Probe entnommen wurde, da weiße Blutkörperchen außerhalb eines lebenden Organismus absterben. Mehr noch: die weißen Blutkörperchen sind in das Gewebe eingedrungen, was anzeigt, daß das Herz eine große Streßsituation erlitten hat. Auch Zugibe und sein Wissenschaftsteam waren nicht über die Hintergründe und die Herkunft der Proben aus konsekrierten Hostien informiert (Quelle: katholisches.info).

6.2 Marienerscheinungen, -wunder und -wallfahrtsorte

6.2.1 Das Marienbild von Guadalupe

Christoph Columbus landet Weihnachten 1492 an der amerikanischen Küste. Eine spätere Expedition mit der „Santa Maria de la Concepción“ (Heilige Maria von der Empfängnis) erreicht am Karfreitag 1519 die spätere Hafenstadt Vera Cruz. Die Eroberung des Kontinents durch die Spanier beginnt.
Zwei Jahre später ist das Reich der Azteken besiegt, in dem es noch Menschenopfer gab, die auf den Pyramiden durch das Herausschneiden des Herzens bei lebendigem Leib vorgenommen und wegen der Bedrohung durch die Spanier noch stark gesteigert wurden.
Zehn Jahre nach dem Fall des Aztekenreiches, beim Morgenrot des 9. Dezember 1531 erscheint am Ufer des Sees, der die Aztekenhauptstadt umgab, dem Indio Cuauhtlatoazin auf einem Hügel ein junges Mädchen und stellt sich ihm als „die vollkommene und immerwährende heilige Jungfrau Maria, die Mutter des einzig wahren heiligen Gottes“ vor. Cuauhtlatoazin war sieben Jahre zuvor als einer von wenigen Indios getauft worden und hatte die Namen der Apostel Johannes und Jakobus als Taufnamen bekommen (Juan Diego). Diese Begegnung fand an einem Ort statt, an dem die Azteken zuvor eine Getreidegöttin verehrt hatten. Aufgrund dieser Erscheinung wurden acht Millionen Indios Christen, die, wie überliefert ist, noch zehn Jahre zuvor die Spanier am liebsten in Kakao gekocht und verspeist hätten. Die Taufen fanden zu tausenden und hunderttausenden statt. Es ist das vielleicht bedeutendste Ereignis der letzten tausend Jahre. (Vgl. Paul Badde, Maria von Guadalupe, S. 21)
Ein Bericht über dieses Ereignis, der in einer Druckfassung von 1649 überliefert ist, berichtet:
„Die Gottesmutter Maria erschien einem Indio namens Juan Diego vom 9. bis zum 12. Dezember 1531 insgesamt viermal auf einem Hügel vor der Dammstraße zu der zerstörten Hauptstadt. Beim letzten Mal ließ sie ihr farbiges Abbild auf seinem Umhang zurück“ (zit. ebd. 24).
Über den Mantel und das Bild schreibt Paul Badde:
„Ursprünglich aber war das grobe Gewebe einmal eine »Tilma«, ein unter den Azteken übliches Übergewand in Form einer einfachen Decke, die ähnlich wie eine römische Toga als Mantel getragen und über der rechten Schulter verknotet wurde. ... Die Mantelschürze ... ist mit dem einzigartigen Bild eines Mädchens mit gefalteten Händen versehen. ... Sie ist ein junges Individuum mit noch rätselhafterem Ausdruck als Leonardo da Vincis Mona Lisa, bekleidet mit einem Blumengewand, über dem sie einen meeresgrünen Mantel von orientalischem Schnitt, geschmückt mit sechsundvierzig Sternen trägt. Goldene Sonnenstrahlen umrahmen sie. Sie steht auf einer schwarzen Mondsichel, in einem rosafarbenen mandelförmigen Oval, das sich in einer dichten Wolkendecke öffnet. Wegen ihrer bronzenen, olivenfarbenen Gesichtszüge nennen die Mexikaner das Mädchen »Die kleine Braune«, La Morenita. Diesem Bild verdankt sich die Entstehung Mexikos als einer modernen Nation. In der Geschichte der Völker gibt es zu diesem Phänomen nichts Vergleichbares, weder im Altertum noch in der Neuzeit – und es gibt auch nichts Vergleichbares zu dem Bild der Jungfrau von Guadalupe“ (zit. ebd. 22).
Der Mantel ist bis heute erhalten, obwohl die Agavenfasern, aus denen er gefertigt ist, nach zwanzig Jahren zerfallen, ebenso die Farben des Bildes. Das Bild ist nicht von Menschenhand gemalt: Es weist keine Farbspuren aus irgendwelchen meßbaren Stoffen auf.
Diese Erscheinung stellt ein übernatürliches Phänomen zu Beginn der Neuzeit dar, das, wenn man es als wahr ansieht, in Beziehung zur Entdeckung Amerikas, zur abendländischen Kirchenspaltung und zur Entstehung der Moderne steht.
Bei einer photographischen Untersuchung (Manuel Ramos 1929) hat man im Lichtfleck des rechten Auges des Marienbildes die Silhouette eines bärtigen Manns entdeckt, der Juan Diego sein soll.
Diese Untersuchung wurde am 29. 5. 1951 vom Photographen José Chávez wiederholt, der das Ergebnis bestätigte – und zwar für beide Augen.
Es gab weitere Untersuchungen, die das Ergebnis bestätigten, ja noch vertieften, weil die Forscher Lichtreflexe auf der Hornhaut beider Augen in Konfigurationen vorfanden, wie sie erst seit dem 19. Jahrhundert bekannt sind (1956), und weil mit Vergrößerungsgläsern an den Augen ein Phänomen beobachtet werden konnte, das zwar bei lebendigen Augen und auf Photos, nicht aber auf Gemälden auftritt (1958). 1963 stellten Spezialisten der Firma Kodak fest, daß es „den Charakter einer Photographie“ habe (Vgl. Badde 46f).
1979 begann José Aste Tönsmann Forschungen mit moderner Technik an den Augen der Jungfrau, die bis heute andauern. Die Farben zeigen physikalisch „unmögliche“ Eigenschaften (vgl. Badde 47f).
Bei diesen Untersuchungen stellte sich u. a. heraus, daß eine ganze Personengruppe zu erkennen ist, darunter Juan Diego, den Bischof und sein Dolmetscher, wie es dem Bericht von der vierten Erscheinung entspricht.

6.2.2 Wunder durch Maria und die Heiligen (Wallfahrtsorte)

In der jüngeren Neuzeit mehren sich die Berichte von Erscheinungen und Wundern an bestimmten Orten, die dadurch zu Marienwallfahrtsstätten geworden sind. Am berühmtesten in Europa ist wohl Lourdes; später wird Fatima wichtig – beides durch Erscheinungen der Gottesmutter. In Lourdes spielt das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis eine zentrale Rolle, in Fatima (übrigens der Name der vierten und jüngsten Tochter des islamischen „Propheten“ Mohammed) die kommenden Katastrophen des 20. Jahrhunderts.
Bereits im 17. Jahrhundert entstand durch eine Stimme aus dem Jenseits der niederrheinische Wallfahrtsort Kevelaer, wo auch Wunderheilungen geschehen sind. Das Gnadenbild, das ja eigentlich ganz irdisch ist, wurde zum Trost der kriegsgeplagten Menschen und zur Stärkung des katholischen Glaubens nach der Reformation und der Entstehung der protestantischen Niederlande.
In Italien des XX. Jh. spielte Pater Pio zu Lebzeiten eine spektakuläre Rolle im Glaubensleben vor allem der einfachen Leute. Heute noch sieht man in vielen Bars, Geschäften und Taxis sein Bild. Er trug die Wundmale Jesu, hatte die Gabe der Bilokation und erfaßte im Beichtstuhl bei fremden Pönitenten sofort zielsicher deren eigentliches Problem.
Viele Menschen werden durch Berichte von solchen Phänomenen angezogen, sie pilgern oft in großer Zahl zu den Orten des Geschehens. Dort geschehen dann nicht selten unerklärbare Heilungen an Leib und Seele.
Die Kirche geht mit solchen Phänomenen stets kritisch um. Sie setzt Untersuchungen an. In Lourdes werden bei einer vermuteten Wunderheilung sogar erklärtermaßen atheistische Ärzte mit der Untersuchung betraut.
Ich selbst habe nie ein solches „Wunder“ erlebt. Wohl kenne ich einen Menschen, der berichtet, in Lourdes geheilt worden zu sein. Mit den Maltesern war ich schon einige Male in Lourdes. Im Jahr 1948 begleitete Philipp Freiherr von Boeselager auf Bitten eines Bekannten ein schwerkrankes, im Sterben liegendes Mädchen nach Lourdes, die Tochter eines protestantischen Kriegskameraden, der ihn um die Begleitung gebeten hatte. Dort brachte er es in ein Hospital in der Nähe der Grotte. Als er zwei Tage später an der Gave entlang zu Grotte lief, kam ihm sein ehemaliger Schützling geheilt und munter entgegen. Er gründete daraufhin den Malteser-Lourdes-Krankendienst (vgl. lourdeszug.wordpress.com/about/). In seinem Bericht über dieses Ereignis sagt er, daß er über diese plötzliche Nähe Gottes geradezu erschrocken sei.
Alle diese Erscheinungen und Wunder setzen, soweit sie echt sind, das fort, was Jesus Christus begonnen hat: Das Reich Gottes ist nahe und wirkt offenbarend und heilend. Die so entstehenden „heiligen Orte“ sind nicht mehr so wie der Jerusalemer Tempel zu verstehen. Auch an Wallfahrtsorten geht des um die Anbetung Gottes „im Geist und in der Wahrheit.“ Auch hier will Jesus, daß wir ihn erkennen und an ihn glauben.
Wunder stärken den, der glaubt. Sie helfen dem, der zweifelt. Nicht mehr und nicht weniger.

7. Das Wunder des Malachias und der Nihilismus

1938 erscheint Bruce Marshalls Roman „Das Wunder des Malachias“ (Father Malachy’s Miracle), in dem der katholische Pater Malachias, der in einer Pfarrgemeinde zu Gast ist, um diese im Choralsingen zu schulen, mit dem anglikanischen Ortsgeistlichen über die Frage spricht, ob auch heute noch Wunder möglich seien wie zur Zeit Jesu. Der Anglikaner glaubt überhaupt nicht an Wunder. Er sieht sich als einen aufgeklärten und modernen Mann, der die Märchengeschichten der Vergangenheit höchstens symbolisch verstehen kann. Malachias behauptet dagegen, daß Wunder heute ebenso möglich seien wie damals. Sie machen eine Wette: P. Malachias will den in der Straße liegenden und moralisch anrüchigen Tanzpalast verschwinden lassen. Um Mitternacht treffen sie sich vor dem Tanzpalast, Malachias läßt diesen sich in die Luft erheben und versetzt ihn auf einen Felsen im Meer.
Nun ist die Aufregung groß in der Öffentlichkeit groß: Zweifellos steht der Tanzpalast nicht mehr dort, wo er vorher war, aber an ein Wunder will niemand in Politik, Medien und öffentlichem Establishment glauben. Ist es eine Sinnestäuschung oder gar eine Verschwörung des Vatikan? Die Geschäftsleute erwachen als erste aus der Schockstarre und organisieren eine Fährverbindung zum Tanzpalast. Das Leben geht weiter, das Wunder hat keine Wirkung bei denen, die es nicht glauben wollen.
Hier zeigt sich der Kern des Problems: Wer an Gott glaubt, wird es für möglich halten, daß er auch heute wunderbar handelt. Wer nicht an ihn glaubt, wird sich von Wundern nicht überzeugen lassen, wie es auch in der Erzählung Jesu vom reichen Prasser und vom armen Lazarus gesagt wird:
Darauf sagte Abraham: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht (Lk. 16, 31).
In einem anderen Zusammenhang erläutert der Journalist Jürgen Liminski in seinem Buch „Die verratene Familie. Politik ohne Zukunft“ (Augsburg 2007) den Nihilismus als Grund für die Ablehnung der Realität: „Das ist die Quintessenz des Nihilismus, die Verneinung an sich. (...) Verneinung als Prinzip im Dienst der eigenen Autonomie. Es ist, wie (der bretonische Schriftsteller Ernst) Hello (in seinem Buch &bsquo;Welt ohne Gott‘) fragend schrieb, eine «Leidenschaft, die das Nichts zum Gegenstand hat. Gibt es diese Leidenschaft bei der Menschheit? Hat sie einen Sinn? Nein. Aber diese Leidenschaft enthält ein Geheimnis: Die Liebe zum Nichts ist der Haß gegen das Sein»“ (a.a.O. 48 f).
Könnte die Ablehnung der Wunder hier ihren Grund haben?

Orietur Occidens

 

Chronik der Kommentare

Wunder und Wissenschaftstheorie

Dienstag, 3. Mai 2011

Gibt es Wunder? — Ja

meinen ernsthafte Leute, Bischof Friedhelm Hofmann von Würzburg und Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, aber auch ein Phantast (der Vorsitzende des Deutschen Astrologenverbandes), der nur sein Steckenpferd reitet.
Aber natürlich gibt es auch Nein-Sager, und die näher zu betrachten ist aufschlußreich.
Da ist ein schlichter Herr aus Hilchenbach, der einfach seinen antikirchlichen Vorurteilen ihren Lauf läßt. Da ist ein ausgetretener Priester (nein, nicht etwa Eugen Drewermann, sondern – richtig, da gab es doch noch wen – Gotthold Hasenhüttl), der seine ebenso schlichten antikirchlichen Vorurteile mit dem Beiwort «theologisch» schmückt. «Im Alten Testament gibt es Heil- und Strafwunder, und solche Wundervorstellungen haben sich in der katholischen Kirche vielfach erhalten», lese ich von ihm. Verstehe ich recht: (1.) Wunder hätte es also im Neuen Testament nicht gegeben, und (2.) Altes Testament wäre irgendwie schlecht. Ist es abwegig, wenn ich diese Denkweise irgendwie antisemitisch finde?
Schließlich sagen noch zwei Physiker Nein: ein «Astrophysiker, Naturphilosoph und Fernsehmoderator» und ein «Physiker und Rapper der Gruppe Blumentopf».
Nun, einen Blumentopf kann sich keiner der beiden mit seinen Argumenten verdienen. Im wesentlichen sind diese bei beiden die gleichen: «Wenn wir bei unseren Forschungen zu einem Ergebnis kommen, das wir nicht verstehen, ist das für uns kein Wunder, sondern lediglich Anlass dafür, weiterzuforschen und genau das herauszufinden und zu erklären, was wir noch nicht verstehen», formuliert es der eine; «Derartiges als übernatürliches „Wunder“ zu akzeptieren, hieße dagegen, die Suche nach den natürlichen Ursachen aufzugeben», setzt der andere fort.
Abgesehen von den Begriffen „erklären“ und „verstehen“ – ich finde, Gottes Wirken kann eine Erklärung sein, die mich verstehen läßt –, abgesehen von solchen Subtilitäten: was die beiden Physiker meinen, ist: man muß sich nur gedulden, bis sie in naher oder ferner Zukunft eine naturwissenschaftliche Erklärung gefunden haben werden.
Aus der modernen Wissenschaftstheorie ist die Forderung bekannt: jede wissenschaftliche Aussage muß falsifizierbar sein. Die Aussage: alles ist naturwissenschaftlich erklärbar, irgendwann jedenfalls – sie ist nicht falsifizierbar, weil ja unbegrenzte Zeit beansprucht wird, auf die Erklärung zu warten.
In der Kirche wird, um ein Wunder anzuerkennen, gefordert, daß es (1.) mit dem naturwissenschaftlich Erwartbaren nicht vereinbar ist, daß es (2.) einen im Einzelfall beschreibbaren geistlichen Faktor gibt, daß es (3.) zwischen diesem geistlichen Faktor und dem wunderbaren Ereignis einen engen (!) zeitlichen Zusammenhang gibt (wenn ich für einen kranken Menschen bete und er einige Tage später gesund wird: das ist nicht eindeutig genug, um ein Wunder anzunehmen).
Nach dem modernen Wissenschaftskriterium der Falsifizierbarkeit ist also bei den einschlägigen Ereignissen die Annahme eines Wunders wissenschaftlicher als die Vertröstung auf eine naturwissenschaftliche Erklärung in unbestimmter Zukunft, wie sie uns die beiden Physiker zumuten.

W.H.W

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Heiligsprechung und Religion

Montag, 15. Juli 2013

Sollen wir auf Wunder warten?

Papst Franziskus hat die Heiligsprechung Papst Johannes’ XXIII. in die Wege geleitet, ohne ein Wunder abwarten zu wollen, wie es dazu eigentlich, nach der Seligsprechung, noch erforderlich ist.
Ein kirchenrechtliches Détail nur? Oder nur der Verzicht auf volkstümliches Beiwerk?
Nein, es geht um etwas ganz anderes, viel wichtigeres, es geht um das Wesen der Heiligsprechung.
Da sind Menschen, die den rechten Glauben haben, die Gebote befolgen und sich darüber hinaus in besonderer Weise als Christen auszeichnen. Sind sie deshalb heilig? Darüber kann kein Mensch urteilen, auch die Kirche nicht. Ihr Lehramt erstreckt sich auf die Glaubenslehre und die Moral; ins Innerste des einzelnen Menschen sehen aber kann nur Gott. Die Kirche ist nur Zeuge, sie beobachtet, überprüft, bezeugt, daß Leben und Bekenntnis dieser Menschen dem christlichen Glauben entsprechen.
Ob das christliche Leben, das die Kirche bezeugen kann, der wirklichen Haltung dieses Menschen entspringt oder nur äußerer Schein ist (nach der Art amerikanischer Fernsehprediger etwa), ob das, was die Menschen, auch die Kirchenfürsten, an einem Menschen besonders beeindruckt, auch in Gottes Augen Heiligkeit ist, das weiß allein Gott.
Und alle Heiligkeit kommt von Gott; Gott führt die Heiligen ihren besonderen Weg. Ob Er einen heiligen Menschen seiner Kirche als beispielhaft zeigen will, ob er sich durch ihn verherrlichen will, entscheidet Er allein.
Religio – das heißt, voller Ehrfurcht Gottes Wirken in der Welt wahrzunehmen. Es ist Religio, Heiligkeit durch Gottes Zeugnis zu erkennen. Darum ist auf dem Weg zur Heiligsprechung die kirchliche Prüfung der Schriften, Worte und Handlungen eines Dieners Gottes notwendig zwar, aber nicht das Eigentliche. Das Eigentliche ist, Gottes Zeugnis zu erkennen: die Wunder, die allein Er tut. Und so, wie ein Zeuge nicht ausreicht (Dt. 19, 15), der Fehlbarkeit menschlicher Beobachtung wegen, so forderte die Kirche die sichere Beobachtung zweier Wunder. Und sie forderte sie zur Seligsprechung, und sie forderte sie danach noch einmal in einem neuerlichen Prozeß, dem der Heiligsprechung. So wirkte sie aller menschlichen Willkür in Wahrnehmung und Bewertung nach besten Kräften entgegen.
Nun aber wird die Bedeutung der Wunder, der Zeichen Gottes also, immer mehr verringert. Papst Johannes Paul II. hat die Zahl der notwendigen Wunder vermindert, auf eines zur Selig-, eines zur Heiligsprechung. Nun soll zum ersten Mal schon das eine einzige Wunder zur Seligsprechung genügen. Es geht hier nicht um die Verehrung Angelo Giuseppe Roncallis, der in der Tat verehrungswürdig ist, im Zweiten Weltkrieg Großes geleistet hat, Juden zu retten. Es geht darum, daß das Abwarten, daß Gott die Heiligkeit seines Dieners bezeugt, zurückgedrängt wird, daß sich mehr und mehr die Möglichkeit eröffnet, daß der Titel eines Heiligen nach menschlicher Sympathie verliehen wird, gleichsam wie ein Orden (décoration, nicht ordre).
Was not tut, ist die Rückkehr zur Religion, die alle zeitbedingten Wertungen und Sympathien hinter sich läßt.
Eine gute Darstellung der Entwicklung des Heiligsprechungsprozesses bietet die französische Wikipédia (s.v. Canonisation), eine gute kurze Darstellung der theologischen Bedeutung der Heiligsprechung die italienische (s.v. Canonizzazione), bemerkenswerterweise dargestellt als Besonderheit der orthodoxen Kirchen.

W.H.W

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