Was ist eigentlich abendländisch?

 • Was uns unterscheidet von ... •
E&E 22 S.47-50 2017 
Wilfried Hasselberg-Weyandt

Was ist eigentlich abendländisch?
Was uns unterscheidet von ...

Zur Bewahrung und Förderung der abendländischen Kultur hat sich bald nach der letzten Jahrtausendwende die Sodalitas Orietur Occidens zusammengeschlossen. Gut ein Jahrzehnt danach tauchte plötzlich der Begriff Abendland von ganz anderer Seite auf: „Patrioten“ wenden sich gegen eine „Islamisierung des Abendlandes“.
Nun wünscht sich in der Tat kein abendländischer Mensch eine Islamisierung des Abendlandes. Doch denkt er an die großen Worte des Fürsten Clemens v. Metternich, die er so umformulieren darf: Niemand «hat Schultern stark genug, um das Abendland davonzutragen. Verschwindet das Abendland, so geschieht es, weil es sich selbst aufgibt.»
Was nun unterscheidet den wirklichen Abendländer vom vorgeblichen?
Dreierlei:
1. der Blick auf die Wirklichkeit;
2. der christliche Glaube;
3. die Bildung.

1. Der Blick auf die Wirklichkeit

So viele Muslimûn auch mittlerweile in unserem Land leben: daß es islamisiert würde, kann ich nicht feststellen. Auch in Deutschlands Fernem Osten höre ich oft noch Kirchenglocken, aber keinen Ruf eines Mu’eddhins. Sicherlich beschädigen Terrorgruppen unter der Fahne des Islâm den Frieden in unserem Land und in vielen anderen Ländern – und ganz besonders in islamischen Ländern. Aber die abendländische Kultur vermögen sie nicht zu beschädigen.
Was unsere Kultur bedroht, das ist der Marktliberalismus mit seinen Kultursurrogaten (die gerne Vorsilben mit sich tragen wie «pop-», «soft-», «fast-», «light-» oder «junk-»)1; das ist die Politische Korrektheit mit ihrer Verbindung von Denkabstinenz, Bildungsmangel und Hysterie; das ist eine Gabelhäppchenspiritualität, die sich oft für buddhistisch hält: «Sie picken sich etwas aus dem Buddhismus, dem Hinduismus und von hier und da heraus», so der Dalai Lama, der es da vorgezogen hat, die Menschen des Westens aufzufordern, ihre eigenen Traditionen zu bewahren2.
Doch höre ich sehr viel öfter von Deutschen, die „Buddhistische Zentren“, als von solchen, die Moscheen frequentieren.

2. Der christliche Glaube

Natürlich wird ein Christ sich nicht einlassen auf Kalauer wie «Kein Mensch ist illegal» – in der Tat ist kein Mensch illegal, illegal sein kann aber sein Aufenthalt an einem Ort; der Staat hat die Aufgabe, fürs Gemeinwohl zu sorgen, auch indem er die Zuwanderung regelt.
Aber er weiß auch um die moralische Pflicht, Menschen in Not zu helfen, und das heißt auch, ungerecht verfolgten Menschen, die einen Ort suchen, wo sie friedlich leben können, solange die Verfolgung währt, Zuflucht zu geben, das heißt, politisch ausgedrückt, Asyl zu gewähren. Wenn er auch um die Schwierigkeit weiß, zu unterscheiden, was wirkliche, was vorgeschobene Verfolgung ist, so weiß er dank dem heiligen Benedikt auch, daß die discretio eine christliche Tugend ist, so wird er doch das Asylrecht nicht einfach aufheben wollen.
Und er weiß, daß Ausländer, die ins Land gekommen sind, menschlich zu behandeln sind. Dreimal fordert das Gesetz des Moses das Volk Israel auf, die Fremden nicht zu unterdrücken (Exod. 22.21 [20]; 23.9), sie zu lieben (Deut. 10.19); es wird jedesmal begründet mit «denn Fremde seid ihr gewesen im Lande Ägypten» – das Volk Israel und später ebenso die heilige Familie.
Auch weiß der Christ, daß der Islâm nicht zu Deutschland gehört – wohl haben im Mittelalter islamische Länder die abendländische Kultur sehr bereichert, aber nicht mit ihrer Religion, sondern mit ihrer Kultur. Avicenna (Ibn Sînâ), Avicedron (Ibn Gabirôl) und Averroës (Ibn Ruschd) sind fürs Abendland bedeutende Namen, aber nicht durch ihre Religion – Avicedron war Jude, was allerdings damals im Abendland nicht bekannt war –, sondern dank ihrer Philosophie, die sie von der griechischen und orientalischen Antike geerbt und – durchaus! – weiterentwickelt haben. Gerbert von Aurillac, später Papst Silvester II., der bedeutendste abendländische Gelehrte des X. Jahrhundert, hatte an arabischen Universitäten in Spanien studiert.
Doch wird er deswegen die Muslimîn nicht fernhalten, sondern zum wahren Glauben bekehren wollen. Wie schwer christliche Mission in islamischen Ländern ist, ist bekannt; so ist er dankbar, daß Muslimûn hierher kommen, wo Mission möglich ist – und tatsächlich bekehren sich ja etliche.

3. Die Bildung

Der Abendländer weiß, daß es eine Tradition der Gewalt im Islâm gibt, er weiß vom „Schwertvers“ (Sûre 9, 5); er weiß auch, daß wir „Schriftbesitzer“ nicht mit den „mušrikîn – Ungläubigen“ gemeint sind – was freilich nur ein sehr begrenzter Trost ist und was zudem nicht alle Muslimûn wahrhaben wollen. Aber er weiß auch, daß es gläubige Muslimîn gibt, die Gewalt gegen Andersgläubige ablehnen.
So weiß er von ‘Abd el-Qâder (etwa aus Karl May).
‘Abd el-Qâder gehörte einem Sûfî-Orden an; in einer Abhandlung versuchte er, die Wahrheit des Islâm und die Berechtigung der Scharî‘a durch die Vernunft zu beweisen. Als Frankreich Algerien eroberte, stand er an der Spitze des bewaffneten Widerstands; er wurde zum algerischen Freiheitshelden. Doch schließlich mußte er doch ins Exil gehen.
Als er im Exil in Damaskus war, setzten dort anno 1860 Massaker an Christen ein, die vom türkischen Pascha geduldet wurden. ‘Abd el-Qâder trat unter eigener Lebensgefahr für die Christen ein, erreichte, daß mehr als die Hälfte der Christen gerettet wurde. Es endete damit, daß er, der Muslim, vom Papst einen Orden und er, der Freiheitskämpfer gegen die Kolonialmacht Frankreich, von Napoleon III. das Großkreuz der Ehrenlegion erhielt.
Die „Identitären“ suchen den Anschein zu erwecken, der abendländischen Kultur verbunden zu sein. Als Emblem führen sie ein Lambda. Angeblich sei das das Wappen der Spartaner, der Lakedämonier, gewesen, als sie den Engpaß der Thermopylen gegen die Übermacht der Perser verteidigten.
In Wirklichkeit wurde dieses Wappen erst 1998 erfunden, nicht im Abendland, sondern in den USA: dort erschien es in der Graphic Novel „300“, 2006 wurde diese durch einen Hollywood-Film weiter verbreitet.
Der Abendländer weiß, wie die Geschichte weiterging: als der Spartanerkönig Leonidas die Thermopylen besetzt hielt, führte ein Grieche die Perser durch einen Nebenweg in den Rücken des Leonidas; der deckte noch den Rückzug des Großteils seiner Truppen und wurde dann mit seinen dreihundert Spartiaten und einigen Verbündeten niedergemacht. Doch unter der Führung des athenischen Strategen Themistokles siegten dann in der Seeschlacht bei Salamis die Griechen gegen die Übermacht, wodurch auch der spätere endgültige Sieg bei Platää ermöglicht wurde.
Themistokles wurde später durch die Willkür des athenischen Demos aus Athen verbannt. Als er auch im Exil im griechischen Argos vor athenischer Verfolgung nicht sicher war, floh er nach Persien, wo er Asyl fand. Er landete dort nicht in einem Asylantenheim, sondern wurde vom Großkönig als Lehnsherr von Magnesia eingesetzt.

1 W.H.W: Was ist eigentlich abendländisch? E&E 20 (2015), S. 34-48
2 Dalai Lama an den Westen: Macht aus dem Buddhismus keine Mode! http://www.kath.net/news/6152, 10. Oktober 2003

Orietur Occidens