Liturgica II

September 2005 — 2009:
• LITURGICA I •

Orietur Occidens

Die Bischöfe der Piusbruderschaft

Die Geschehnisse der Tage

Mittwoch, 21. Januar 2009:

Der Papst unterzeichnet einen Erlaß, mit dem er die Exkommunikation der vier Bischöfe der Piusbruderschaft aufhebt.
Diese Bischöfe waren 1988 von Erzbischof Marcel Lefèbvre gegen den Willen des Vatikans konsekriert worden waren. Das war widerrechtlich; darum wurden sie exkommuniziert. Allerdings ging jenen Bischofsweihen eine lange Kette von Enttäuschungen und Verletzungen voraus. Weil nun ein Teil jedenfalls dieser Bischöfe, darunter der Generalobere der Bruderschaft, sich um Aussöhnung bemühten und weil an diesen Bischöfen viele Priester und noch mehr Laien hängen, deren geistliches Leben durch die Trennung beschädigt wird, hat der Papst um ihretwillen und vieler Gläubiger willen die damalige Exkommunikation nun aufgehoben.
In die Öffentlichkeit dringen hierüber zunächst nur Gerüchte.

Freitag, 23. Januar 2009:

Noch bevor das päpstliche Dekret veröffentlicht worden ist, wird ein Fernsehinterview bekannt, in dem einer der vier, Bischof Williamson, die Scho&a weitgehend leugnet.
Bischof Williamson hat schwere Schuld auf sich geladen mit diesen abwegigen Aussagen. Von kundigen Beobachtern wird angenommen, daß er so die Versöhnung seiner Bruderschaft mit Rom, die er bekanntermaßen ablehnt, zu hintertreiben sucht. Aber er ist 1988 nicht dieser heutigen Aussagen wegen exkommuniziert worden. Und die anderen Bischöfe der Bruderschaft sind daran ganz unbeteiligt, die Piusbruderschaft insgesamt ist solcher Anschauungen völlig unverdächtig – René Lefèbvre, der Vater des Gründers, ist seinerzeit ins KZ Sonnenburg eingeliefert worden und dort umgekommen, weil er sich um die Rettung verfolgter Juden bemüht hatte.
Williamsons Schuld bleibt bestehen. Leider kommt die Aufhebung der Exkommunikation auch dem Unwürdigen zugute. Aber ihm ist das Böse vorzuwerfen, das er tut; es ist kein Grund, daß er und mit ihm auch die, die die Aussöhnung angestrebt haben, einer ganz anderen Sache wegen weiterhin exkommuniziert bleiben sollten.

Samstag, 24. Januar 2009:

Das päpstliche Dekret wird veröffentlicht.
Nun beginnt eine Medienkampagne gegen den Papst mit Behauptungen von der Art: «Papst rehabilitiert Holokaustleugner». Solche Behauptungen sind falsch und irreführend. Irreführend, weil die Aufhebung der Exkommunikation nichts zu tun hat mit der Leugnung der Scho’a. Falsch, weil der Papst die vier Bischöfe nicht rehabilitiert, sondern nur aktuell von der Exkommunikation befreit hat – aktuell, nicht rückwirkend; also ist Williamson nicht rehabilitiert worden, sondern nur partiell begnadigt – partiell, weil die Suspendierung der vier Bischöfe von ihrer Weihevollmacht und allen kirchlichen Ämtern fortbesteht. Nach der Aufhebung der Exkommunikation dürfte Williamson in der katholischen Kirche zwar beichten (was er dringend tun sollte), jedoch nicht sein Bischofsamt ausüben.

Dienstag, 27. Januar 2009:

Bischof Fellay, der Generalobere der Piusbruderschaft, weist die Aussagen Williamsons sehr scharf zurück, wirft ihm vor, mit ihnen die Grenzen der Autorität seines Amts zu ignorieren, und verbietet für die Zukunft Williamson den Mund. Das ist noch mehr als die Zurückweisung durch Rom, denn Williamson haßt den Vatikan – er spricht ja ständig vom «besetzten Rom» –, kann aber seinen eigenen Oberen nicht ebenso leicht abtun. Wäre Bischof Fellay nicht gestärkt gewesen durch die Aufhebung der Exkommunikation, hätte in den Augen der Bruderschaft der bisherige Belagerungszustand fortbestanden, so hätte er sich eine solche Kritik an seinem Mitbischof, der ja den gleichen hierarchischen Rang hat, und einen solchen Machtspruch schwerlich leisten können.

Freitag, 30 Januar 2009:

Bischof Williamson entschuldigt sich beim Papst und bei seiner Bruderschaft für seine Äußerungen.
Das Ergebnis dieser Tage: der Papst hat der Piusbruderschaft weniger zugestanden, als sie gewünscht hätte: er hat die Exkommunikationen zurückgenommen, aber nicht für ungültig erklärt; er hat mehr erreicht, als man noch vor einer Woche für möglich gehalten hat: selbst der schärfste Gegner der Versöhnung, Bischof Williamson, ist von seinem Konfrontationskurs gewichen.
Seine Entschuldigung ist freilich noch zu wenig: noch hat er sie nicht deutlich auch inhaltlich zurückgenommen, noch hat er sich nicht beim jüdischen Volk entschuldigt. Zumindest aber kann er nun nicht mehr auf diesen Äußerungen beharren, erst recht nicht mehr sie wiederholen. Der Feind der Aussöhnung, den Paul Badde als «Selbstmordattentäter» bezeichnete, hat aufgegeben.
Sonntag, 1. Februar 2009

Die Bischöfe der Piusbruderschaft und Zacchäus

Zur Göttlichen Liturgie gehe ich in eine Kirche des byzantinischen Ritus. Schon die Dritte Antiphon läßt mich an den Papst denken:
«Selig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und alles Böse gegen euch verleumderisch sagen um meinetwillen. Freut euch und frohlockt, denn euer Lohn wird groß sein im Himmel.»
Das Evangelium ist das von Zacchäus. Und hierin erkenne ich erst recht die Geschichte der vergangenen Tage:
Zacchäus will den Herrn sehen
—  Bischöfe der Piusbruderschaft wenden sich an den Heiligen Stuhl, möchten mit ihm versöhnt werden.
Der Herr sagt zu Zacchäus, er wolle bei ihm einkehren; Zacchäus nimmt ihn auf
—  der Papst nimmt die Bischöfe wieder auf in die Gemeinschaft der Kirche.
Alle empören sich, daß der Herr bei einem Sünder eingekehrt
—  alle empören sich, daß der Papst Menschen aufnimmt, unter denen einer sich schwer schuldig gemacht hat.
Zacchäus bereut und kehrt um
—  der Generalobere unter den Bischöfen weist dessen falsche und unrechte Aussagen energisch zurück, und wie er tun das andere Obere der Bruderschaft; er weist seinen Kollegen scharf zurecht und verbietet ihm für die Zukunft das Wort.
Der Herr sagt, daß heute diesem Hause Heil zuteil geworden ist.
W.H.W

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Orietur Occidens

Samstag, 14. März 2009

Venner Messe

Leider kann ich nur selten an der • Venner Messe • teilnehmen; heute aber ist sie der Anfang des Conventus principalis anni unserer Sodalitas.
Viele – Ministranten und Mitglieder der Schola sowieso, aber nicht nur sie – sind schon lange vor Beginn da. Verschiedenste Menschen, vom jugendlichen Ministranten bis zum Hochschullehrer und zur älteren Frau vom Lande.
Draußen vor der Kirche, etliche Zeit nach der Messe, spricht mich die Frau vom Lande an: «War das nicht schön?!» Sie braucht noch einige Zeit des Gesprächs, um ihrer Begeisterung Raum zu geben.
Siehe auch: • Alte Messe •
W.H.W

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Sonntag, 15. März 2009

Ein Alltäglicher Sonntag

Sonntagsmesse in einer Vorstadtkirche am Rande des Ruhrgebiets. Heute wird das Evangelium von der Frau am Jakobsbrunnen gelesen. Wovon handelt es? Von Wasser. Also ist heute Wasser das Thema. Ein Junge und ein Mann aus der Gemeinde spielen ein Gespräch vor zwischen Enkel und Großvater in Burkina Faso um die Nöte mit dem Wasser in den Zeiten der Klimaveränderung; die beiden beherrschen den Entwicklungshelferjargon perfekt. Dafür fallen die Lesungen vorm Evangelium aus. Die Predigt geht auch ums Wasser. Irgendwo kommt dann auch Jesus vor, der unser Freund sei und uns verstehe.
Nur: Freunde habe ich schon; und wenn ich verstanden werden will, weiß ich meist mich selbst verständlich zu machen. In der Kirche würde ich lieber hören, daß es bei Jesus um sehr viel mehr geht.
Aber auch in dieser Kirche? Das Neue Geistlose Liedgut hat ausgiebig Gelegenheit, seinen Namen zu begründen; und immerzu wuseln vorne Kinder herum. Kinder singen im Chor, der Gemeinde zugewendet, den Rücken zum Altar. Sie scheinen den Altar gar nicht zu bemerken; er dient vor allem dazu, das Mikrophon und derartiges darauf bereitzulegen und wieder abzulegen.
Den Priester halte ich für einen gläubigen Mann; aber er scheint nicht zu bemerken, daß bei dem, was da als Gottesdienst stattfindet, der Glaube kaum vorkommt, geschweige denn die Hinwendung zum Herrn.
Beim Hinausgehen höre ich, wie der junge Mann, der den Großvater gespielt hat, angesprochen wird: das habe er aber gut gemacht. Er habe ja auch geübt, antwortet er. Da liegt ein Problem solcher «Liturgie»: mag sie sich noch so sehr von echtem Gottesdienst entfernen, man kann es schlecht sagen, denn es sind etliche Menschen dabei, denen mit besonderen Aufgaben geschmeichelt wurde, daß jedwede Kritik irgendwen kränkt, der doch sein Bestes zu tun meinte.
W.H.W

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Sonntag, 22. März 2009

Laetare Jerusalem

...und dann gehe ich als Chorleiter/Kantor vorher in die Sakristei und die beiden kleinen Meßdiener sagen: «Is’ heute Familienmesse/Kindergottesdienst?» (Es waren zwei - daher die unterschiedlichen Ausdrücke!) - Ich «Nein!» - Antwort: «Puh - Glück gehabt - das ist immer so langweilig!»
Laetare Jerusalem!
Th.B.

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Samstag, 4. April 2009

Byzantinische Pontifikalvigil

Pontifikalvigil in St. Prokop. Die meiste Zeit steht der Bischof, kaum sichtbar, im Altarraum, dem Altar zugewandt. Erst als die Feier auf die Verkündigung des Auferstehungsevangeliums zugeht, kommt er, nun mit den Pontifikalgewändern bekleidet, hervor. Der Bischofsstab steht draußen vor der Ikonostase bereit. Im Altarraum benutzt er ihn nicht; dort ist der Hirte ausschließlich ein anderer.
W.H.W
•  St. Prokop •

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Karfreitag, 10. April 2009

Participatio actuosa ist aus der Mode

Präsanktifikatenmesse in einer Vorortkirche am Nordrand des Ruhrgebietes. Eine sehr schlichte Feier; dafür wird um so mehr erklärt. Bei der Passion darf man gemütlich sitzen (ob dem Herrn bei den Hohepriestern und bei Pilatus wohl auch ein Sitzplatz angeboten wurde?). Beim Verscheiden des Herrn allerdings knien doch alle. Bemerkenswert der Sänger des Evangelisten, wie er vor seinem Mikrophonständer niederkniet – so sieht man, was in der heutigen Kirche das wichtigste ist.
Auch bei den Großen Fürbitten spart man sich alle Participatio actuosa: gekniet wird nicht. Dafür sind die Orationen selbstgemacht.
Zur Kreuzverehrung wird ein drittes Mal erklärt, was wir nun tun sollen, auch, ganz ausführlich, was das bedeutet. Dafür spart man sich alle Umstände wie Ver- und Enthüllen.
Und nun die Kommunion. Eingeleitet wird sie mit der Erklärung, nun werde das Brot verteilt, das an die Hingabe Jesu erinnere.
Ich erinnere mich, daß ich in dieser Kirche in meiner Kindheit anderes erlebt habe; damals waren zwei gute Priester hier – der damalige Kaplan ist heute Erzbischof von Hamburg. Schade!
W.H.W

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Orietur Occidens

Ostersonntag, 12., und -montag, 13. April 2009

Gottesdienst

Ostermessen in einer Vorortkirche am Nordrand des Ruhrgebietes. Eigentlich bin ich ja gewarnt, nicht nur vom Karfreitag. Aber für einen alten Menschen, den ich nicht alleinlassen möchte, ist diese Kirche am besten zu erreichen; und in der Osternacht hatte ich anderswo eine wirkliche Feier erlebt, so daß ich nun wieder etwas verkraften kann.
Es ist eigentlich nichts anderes als man in so vielen anderen Kirchen erlebt; aber die alltäglichen Schrecken treten hier archetypisch massiert auf.
Der Priester tritt ein, begleitet von Damen und Herren in – zum Teil etwas eigenwilliger – Straßenkleidung, die dann, hinten im Altarraum, versus populum zu Seiten des Priestersitzes sitzen, um dann zu Lektoren- oder Kommunionhelferdiensten hervorzukommen.
Der Priester geht nach dem Einzug schnellstens zum Ambo, betrachtet schon die Gemeinde, während die noch eine Strophe des Liedes zum Einzug singt. Dann fängt er an zu begrüßen, teilt schließlich mit, daß wir nun diesen Gottesdienst beginnen «im Namen des ... » – nun also wird also doch noch der erwähnt, um den es eigentlich gehen soll.
Das Ordinarium wird vollständig ersetzt durch deutsche Lieder, bei denen gelegentlich ein Zusammenhang mit dem verdrängten Gesang zu erahnen ist. Gern singt der Priester mit der Gemeinde mit – GL hoch über dem Altar; somit wird der Altar, ein Symbol des Herrn, ignoriert –, so auch eine Strophe des Liedes, das das Agnus Dei vertritt. Vor einer Lesung erklärt der Lektor noch, was man gleich hören wird. Während am Ostersonntag der Priester bei der Begrüßung erklärt hatte, daß man nichts Genaues sagen könne, und die Predigt sich in einer Moralrede erschöpft hatte, kommt am Montag doch noch die Osterbotschaft vor.
Bei der Wandlung erhebt der Priester die Hostie mit nur einer Hand – „Kürzlich hörte ich einen afrikanischen Vater seinem Sohn erklären: Wenn du Gästen etwas bringst, immer es mit beiden Händen halten, auch wenn es leicht ist, aus Achtung vor den Gästen!“ (Neue kritische Prüfung des «Novus Ordo Missae», cap. Der Novus Ordo: Das, was fehlt). Der Embolismus fällt aus, dafür spricht die Gemeinde das Gebet zum Friedensgruß mit. Selbst am Sonntag, wo nicht sehr viele in der Kirche sind, wird ein Kommunionhelfer herangezogen. «Ein außerordentlicher Diener der heiligen Kommunion kann nämlich die Kommunion nur austeilen, wenn Priester und Diakon fehlen ... oder wenn die Zahl der zur Kommunion herantretenden Gläubigen so groß ist, daß die Feier der Messe selbst allzu sehr ausgedehnt würde. Das ist jedoch so zu verstehen, daß eine kurze Verlängerung ein völlig unzureichender Grund ist, gemäß den Umständen der Dinge und der Kultur des Ortes» schrieb Papst Johannes Paul II. in Redemptionis Sacramentum (C. VII, 1. [158.]). Wenn also die Austeilung eine Viertelstunde dauert statt fünf oder zehn Minuten, so ist es rechtswidrig, Laienhelfer dazu heranzuziehen – und gegen den Sinn des Sakraments erst recht; man lese beim heiligen Thomas nach (S.Th. III., q. 83., art. 3.).
Zum Schluß kommuniziert, mit Kelchkommunion, die Entourage des Priesters und als letzter dann er selbst.
Zum Schluß der Messe, nach Vermeldungen, verzichtet er nicht darauf, der Gemeinde Gelegenheit zu einem «Danke, gleichfalls» zu geben.
Woran könnte man erkennen, daß dies ein Gottesdienst war?
Siehe auch: Kommunion verweigert!
W.H.W

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Freitag, 15. Mai 2009

Eine abwechslungsreiche Vesper

Die Kirche im Gründerzeitviertel einer obersächsischen Stadt feiert ihr 100. Kirchweihfest. Es wird eröffnet mit einer ökumenischen Vesper. Ökumenisch – das hat den Preis, daß eine Dame mit Beffchen den Priestersitz einnimmt; der Priester sitzt daneben. Aber immerhin: es ist der Priester, der den Schlußsegen spendet. Ökumenisch – das ist der Preis dafür, daß eine wirklich mitreißend gute Schola singt; sie singt Gregorianik und archaïsche Mehrstimmigkeit, so etwa einen Falsobordone.
Aber ökumenisch – das scheint auch zu bedeuten, daß man das Rad, sprich: die Vesper, neu erfinden muß. Oder ist das einfach Werk moderner Liturgiemacher?
Es beginnt mit dem Einzug des Osterlichts (früher Osterkerze genannt). Das darf ich als Lucernarium gelten lassen. Mit einem mozarabischen Eingangsruf und einer vom Kantor wohlgesungenen mehrteiligen Benediktion wechselt ein Liedruf. Er ist in den Noten als Kanon gesetzt, und ich überlege, ob er als Kanon etwa klingen könnte. Als Liedruf jedenfalls klingt er nicht; das ist unüberhörbar, denn er wird recht oft gesungen.
Der Hymnus folgt, dankenswerterweise nur von Schola und Kantor gesungen.
Nun der erste Psalm: die Schola singt die gregorianische Antiphon, das Volk spricht, sine nota, im Wechsel.
Den zweiten Psalm singt der Chor mit einer deutschen «Chorstrophe» als Antiphon. Schön und gut; jedoch hat das Volk immer an die Chorstrophe noch eine GL-Antiphon anzuhängen.
Das neutestamentliche Canticum ist einem apokryphen Buch entsprungen, das jedenfalls jünger ist als ich; und der Komponist wird sicher nicht in die Musikgeschichte eingehen.
Das Capitulum gerät zu einer sehr langen Lesung, sine nota, nur gesprochen. Das Responsorium aber singt die Schola, lateinisch, eine Wohltat. Lateinisch ist auch das Magnificat mit seiner Antiphon, unterbrochen von spätromantischen Orgelversetten. Nur leider – wieder hat das Volk an die Antiphon noch eine deutsche GL-Antiphon anzuhängen. Auf dem Altar brennt Weihrauch, immerhin; ist etwa eine richtige Inzensation des Altars nicht ökumenisch genug?
So großartig der musikalische Teil auch ist – es ist schwer, sich auf die Psalmodie einzulassen, weil das Immer-wieder-etwas-Neues die Aufmerksamkeit absorbiert. Und daß das Volk gehalten ist, mit eher trivialen Liedrufen und Antiphönchen das musikalische Niveau der Feier zu drücken, erscheint mir nicht als participatio actuosa.
W.H.W

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Sonntag, 17. Mai 2009

60er-Jahre-Revival

Statt in die Pfarrkirche meines Gründerzeitviertels mache ich mich doch lieber auf den längeren Weg in die Propsteikirche. Diese Kirche zeigt eine reizvolle Neostromanik (oder besser, unter uns Humanisten, Neotatoromanik). Und die Liturgie verdient diesen Namen; hier ist gut sein, scheint mir.
Jedoch was ich in den letzten Monaten in meiner bisherigen Pfarrkirche dicht unterm Nordrand der bewohnbaren Welt, dann in meiner neuen Pfarrkirche erlebt habe, ist auch hierher vorgedrungen: wie in den sechziger Jahren steht am Kircheneingang eine Schale mit Hostien, die die Kommunionkandidaten in die Patene umschaufeln sollen.
Krampfhaft das Tabernakel zu meiden befremdet mich ebenso wie der frühere Brauch, in der Regel nur die Hostie für den Priester in der Messe zu konsekrieren, den Laien die Kommunion nur aus dem Tabernakel zu spenden – bilden nicht der Leib des Herrn auf dem Altar und der im Tabernakel eine Einheit?
Außerdem: dank der abwechslungsreichen Liturgie unserer Zeit wage ich es nur in bewährt zuverlässigen Kirchen, mich schon vor der Messe zu entscheiden, zur Kommunion zu gehen.
W.H.W

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Sonntag, 24. Mai 2009

Ganz besondere Meßtexte

Sonntagsmesse in der Vorortkirche am Nordrand des Ruhrgebiets. Wieder einmal zieht der Pfarrer umgeben von zwei ganz unliturgischen Damen ein. Die eine (zuvor war sie bei der Wandlung dadurch aufgefallen, daß sie jede Kniebeuge vermied) liest nach der Kommunion (mich stört es nicht zu sehr in meiner Andacht; ich habe nicht kommuniziert) eine Anekdote von Mutter Theresa vor. Es ist ein längeres Gedicht, mit dem Mutter Theresa einen Besuch in einem westlichen Heim kommentiert. Sonderbar: warum hat Mutter Theresa, die Albanerin, die später vor allem Englisch sprach, ein schlechtes deutsches Gedicht geschrieben?
Zum Schluß eine dreiteilige Segensformel. Aber nicht aus einem altgallischen Pontificale, sondern einer der irischen Segenssprüche, die vor einigen Jahren so beliebt waren – bei Karikaturisten jedenfalls zu recht beliebt.
W.H.W

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Pfingstmontag, 1. Juni 2009

Gestalteter Gottesdienst

Oft höre ich, Gottesdienste dürften nicht gestaltet werden. Wörtlich genommen ist das nicht richtig, denn jeder mehrstimmige Gesang etwa ist ja eine Gestaltung der gottesdienstlichen Feier, die doch niemand wird untersagen wollen. Dennoch stimme jenem Satz gerne zu, denn gemeint ist, daß die liturgische Ordnung nicht durch persönliche Einfälle gestört werden darf.
Heute aber werde ich nachdenklich. In der Propsteikirche ist Firmung. Nachdem der Bischof dem Firmling «Der Friede sei mit dir» gesagt hat, sagt jeweils der Pate laut einen Schriftvers.
In einer Zeit, in der der Verdacht sich ausbreitet, daß man viele Firmlinge und Firmpaten nach der Firmung so schnell nicht wieder in einer Kirche sehen wird, wirken diese Sätze aus dem Mund der Paten, die ganz oft wie Bekenntnisse klingen, wohltuend. Sicher, das persönliche Gebet für die Firmlinge fördern sie nicht; aber ich denke, während der langen Zeremonie wäre ich auch sonst – und viele andere ebenso – vom Gebet abgelenkt worden.
W.H.W

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Sonntag, 14. Juni 2009

Kommunionausteilung in St. Prokop

Es sind nicht wenige, die herantreten; und im byzantinischen Ritus geht nichts schnell. Aber dennoch teilt nur ein Priester die Kommunion aus; der Konzelebrant (an Laien als Kommunionhelfer ist hier sowieso nicht zu denken) steht im Chorraum und betet.
W.H.W
•  St. Prokop • 

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Sonntag, 5. Juli 2009

Das Volk macht mit

Vorabendmesse in einer Kirche im Gründerzeitviertel. Der Pfarrer ist in Urlaub; ein fremder Priester feiert die Messe. Zum Gloria wird GL 450 gesungen: «Wir glauben an Gott Vater».
Der fremde Priester hört, schaut ins Buch und wundert sich.
Zum Zwischengesang folgt dann GL 486: «Preis und Ehre Gott dem Herren, Friede soll den Menschen sein».
Der Priester hört und wundert sich, geht schließlich zum Ambo, ohne mehr abzuwarten, was wohl zum Alleluja gesungen werden mag.
Die Gemeinde aber macht aus voller Brust das alles mit.
Das ist kurios, fällt auf. Aber ich denke darüber nach, daß letztlich schlimmer das ist, was nicht auffällt, sondern Alltag ist, daß nämlich zur Opferung GL 490 gesungen wird:
Was uns die Erde Gutes spendet,
was unsrer Hände Fleiß vollbracht,
was wir begonnen und vollendet,
sei, Gott und Herr, zu Dir gebracht.
Sehr anders klingt es in den Gebeten der Liturgie: «Offerimus praeclarae majestati tuae de tuis donis ac datis ...» in der Anamnese des Römischen Kanons (im Unde et memores), «Tà ek tôn sôn soì prosphéromen ...» in der Ekphonese der Anamnesen der griechischen Liturgie. Und statt «was wir begonnen und vollendet» steht in der deutschen Fassung des NOM, im Tagesgebet des I. Advent: «Du schenkst das Wollen und das Vollbringen».
Und mir kommt der Gedanke, daß, wenn der Zelebrant oder ein Gemeindergewaltiger das Volk auffordern würde, im Gottesdienst Yoga-Übungen zu machen, das höchstens daran scheitern würde, daß die meisten es einfach nicht schaffen, die Beine im Nacken zu verschränken.
W.H.W

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Sommer 2009

Neue Sitten oder neue Unsitten?

Schon im hohen Norden war es mir begegnet; nun, nach meinem Umzug nach Obersachsen, stoße ich allerorten darauf: am Kircheneingang steht eine Schale mit Hostien, die die Kommunionkandidaten in die Patene umschaufeln sollen.
Außerdem fällt mir auf, daß zur Opferung die Gemeinde stehen bleibt, bis die Ministranten die Patene zum Altar gebracht haben. Zuerst befremdet mich das; dann aber werde ich nachdenklich: ist das nicht etwas wie der Große Einzug des byzantinischen Ritus, bei dem ja auch niemand zu sitzen wagte?
Nach einiger Zeit gewahrte ich, daß dieser Vergleich falsch ist. Im byzantinischen Ritus sind die Gaben, die beim Großen Einzug zum Altar getragen werden, vielfach geheiligt worden: sie sind gesegnet worden, sind durch vielfältige Riten dargebracht worden, zu Bildern des geopferten Lammes geworden. Im neuen römischen Ritus dagegen sind sie bisher nur von Laien umgeschaufelt worden; wenn sie dann wirklich vom Priester dargebracht werden, sitzt die Gemeinde.
Ich werde auch künftig nach Credo und Fürbitten mich setzen.
W.H.W

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Allerheiligen 2009

Neue Hoffnung?

Wieder einmal in der Heimat, in jener Vorstadtkirche am Rande des Ruhrgebiets, von der hier schon öfters die Rede war. Ich habe erfahren, daß man hier nun einen anderen Pfarrer bekommen habe. Und so bin ich gespannt, ob es nun hier anders wird.
Der Priester zieht ein. Nach dem Eingangslied: «Liebe ... , ich möchte mich Ihnen vorstellen ...». Und danach eröffnet er dann diesen Gottesdienst «im Namen des ...».
Es hat sich also nichts geändert.
Aber vielleicht später doch noch? Er ist nicht der neue Pfarrer, sondern vertritt ihn nur für einige Wochen.
W.H.W

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Sonntag, 8. November 2009

Was ist Participatio actuosa?

Sonntagsmesse in meiner Pfarrkirche im Gründerzeitviertel. Ich wollte etwas ausschlafen, darum war mir der Weg in die Propstei zu weit.
Alttestamentliche Lesung: Elias und die arme Witwe. Evangelium: die Witwe, die ihre zwei Scherflein in den Tempelschatz gibt. Dann tritt eine Frau auf und erzählt das Märchen von Sterntaler, erklärt dann, daß das ganz ähnlich sei wie in den Lesungen. Ihre Ansprache vertritt die Predigt; der Pfarrer und sein Konzelebrant bleiben untätig sitzen. Später wird der Konzelebrant auch bei der Kommunionausteilung stehen-, dann sitzenbleiben, während der Pfarrer zusammen mit einem Laien austeilt. Wozu dient da eigentlich eine Konzelebration?
Aber zurück zur Ansprache: in den Bänken sind Papiersterne und Stifte ausgelegt; ein jeder soll etwas Entsprechendes auf einen Stern schreiben. Dann sollen diese Sterntaler eingesammelt werden und ... (was dann, habe ich vergessen). Soll das Participatio actuosa sein? Nur: Teilnahme woran? – mit Gottesdienst haben solche Einfälle jedenfalls nichts zu tun. Und ich möchte die Liturgie feiern, nicht mich während der Feier mit irgendjemandes persönlichen Vorstellungen beschäftigen müssen.
W.H.W

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Sonntag, 22. November 2009

Das ist Participatio actuosa

An diesem Sonntag bin ich wieder einmal nach Berlin geraten. Das ist nicht nur ostelbische Wüste, das ist auch eine geistliche Oase: St. Afra. Es ist nicht nur der außerordentliche Ordo, nicht nur die besondere Kirche, was den Gottesdienst dort so schön werden läßt. Es ist das gemeinsame Wollen aller, die kommen. Und es sind schlichte Détails, an denen sich das zeigt.
Es ist schon vor der Messe der Küster, der die Kerzen auf der rechten Seite des Altars anzündet, dann nicht etwa einfach auf der obersten Stufe am Altar vorbei zur anderen Seite geht, sondern zuerst die Stufen herabsteigt, unten die Kniebeuge macht und dann auf der linken Seite wieder hinaufsteigt, um auch dort die Kerzen anzuzünden.
Es ist der Priester selbst, der auch an einem einfachen Sonntag festlich durch die Mitte der Kirche einzieht (was dadurch begünstigt wird, daß St. Afra keine Sakristei im Chorbereich hat), der auch an einem einfachen Sonntag Weihrauch darbringt.
Es sind die kleinen Ministranten, die auch dann andächtig betend knien, wenn sie nicht vom Priester beobachtet werden.
Und es gibt zum Schluß eine besondere Participatio actuosa, wenn zwei ganz kleine Kinder anscheinend motu proprio die Blätter mit den Meßtexten wieder einsammeln.
W.H.W

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Sonntag, 29. November 2009

.. was soll es bedeuten

Sonntagsdienst – also bleibt mir nur die Vorabendmesse in meiner Pfarrkirche.
Vor dem Adventskranz, auf hohem Ständer neben dem Altar, steht eine Tür – sie steht einfach so dar; ich nehme an, sie soll etwas bedeuten (Achtung: etwas, was etwas bedeuten soll, ist kein Symbol, sondern ein Rebus; ein Symbol soll nicht etwas bedeuten, sondern es bedeutet etwas). Die Tür ist auf Papier gezeichnet, der Rahmen ist aus Holz. Er ist häßlich, handwerklich ordentlich gemacht, aber lieblos zusammengestückelt.
Ich wünsche nicht, daß in meiner Kirche etwas Häßliches herumsteht, nur weil es etwas bedeuten soll.
W.H.W

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Heiliger Abend 2009

Alter Ritus – einmal anders

Zur Christvesper wird in die evangelische Stadtkirche St. Jakobi eingeladen; angekündigt ist eine «Figuralvesper nach der Agenda für St. Jakob von 1714». Bis zur Christmette ist es noch langhin. Also: auf zu Protestantens.
Nein, es ist keine Showveranstaltung, sondern es ist als echter Gottesdienst gemeint. Daß der Pastor am Anfang begrüßt, gehört wahrscheinlich nicht zur Agenda von 1714, aber es hält sich sehr im Rahmen – aus katholischen Kirchen bin ich so etwas in ganz anderer Dosis gewohnt.
Eine evangelische Christvesper ist eine Art Missa sicca zum Weihnachtsfest. Es gibt vom Volk gesungene Lieder, aber nur sehr wenige; im übrigen singt ein herausragend guter «Chorus musicus à 8», das heißt aus acht Sängern und Sängerinnen bestehend. Sie singen «Figuralmusik» aus Spätrenaissance und Frühbarock, aber auch Gregorianik kommt vor. Für den Psalm «Quare fremuerunt gentes» teilen sie sich in zwei vierstimmige Halbchöre, die streng in Parallelen singen – ein Organum durum, gleichsam unmittelbar der Musica Enchiriadis entnommen. Der Klang: mitreißend.
So großartig das Ensemble auch ist: es gibt keinen Applaus; schließlich ist es ein Gottesdienst.
W.H.W
... Seit 5 Jahren gestalte ich mit Musikerfreunden die Vesper am Heiligabend in der Stadt- und Marktkirche St. Jakobi, einem der ältesten Bauwerke im Herzen der Kulturstadt Chemnitz. Die Musik, die dort klingt, stammt aus den Archiven der Stadt und von Komponisten des Erzgebirges und gehört genau an diese Stelle. Ich ... möchte die Bürgerschaft der Stadt für dieses musikalische Projekt gewinnen, dem gewiß einige Ausstrahlungskraft innewohnt und das nicht nur die Wurzeln meiner Geburtsstadt Chemnitz zu Tage und zum Klingen bringen soll. Ich persönlich bin nämlich noch auf einem anderen Weg. Ich glaube an die Kraft der alten christlichen Liturgie und suche sie lebendig zu machen und zunächst ganz für mich zu entdecken.
Und mir gefällt es sehr, wenn Sie genau dies hervorheben: Es ist ein Gottesdienst. In unserer säkularen Welt mitten in Beliebigkeit, Banalität, Lärm und Ignoranz gibt es eine Wahrheit, eine Kraft und eine Antwort.  Ich glaube und erlebe, dass ich sie in der Musik finde und zwar in Gottes Haus. Es ist alles gesagt, gehört, gesungen. Ich entdecke es und lade dazu ein, zuzuhören und manchmal auch im Sinne Luthers (Sie werden verzeihen) mitzusingen.
Friedemann Schmidt, agenda1714

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Erscheinung des HERRN 2010

Was heißt C M B?

Mal höre ich «Kaspar, Melchior, Baltassar», mal «Christus mansionem benedicat». Das eine ist der genuine Text, das andere eine volkstümliche Umdeutung. Klar; aber was ist was?
Die moderne Tendenz geht dahin, «Christus mansionem benedicat» für ursprünglich zu halten; aber ich möchte es sicher wissen. Darum schlage ich im Rituale Romanum nach. Dort finde ich im Appendix unter «De benedictionibus – benedictiones non reservatæ» die «Benedictio Cretæ in festo Epiphaniæ».
Da steht:
«Benedic, Domine Deus, creaturam istam cretæ ... ut quicumque ... vel in ea in domus suæ portis scripserint nomina sanctorum tuorum Gaspari, Melchioris et Baltassar, per eorum intercessionem et merita, corporis sanitatem et animæ tutelam percipiant. Per ...»
Die moderne Tendenz hat verloren, Köln gewonnen.

Nachtrag von Erscheinung des HERRN 2016:
• Pastorale Irrtümer •
W.H.W

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Sonntag, 7. Februar 2010

Die Verkindergärtnerung der Kirche

Nach den liturgischen Eingangsformeln beginnt der Kaplan zu grölen: «Laßt uns froh und munter sein ...». Nach einiger Zeit beginnen einige Stimmen auf der Orgelbühne unsicher mitzusingen; und schließlich grölt die Orgel leise die Strophe zu Ende (daß eine Orgel leise grölen kann, ist für mich eine ganz neue Erfahrung). Nun erfahren wir vom Kaplan, daß man das ja immer singen könne. Ach ja!
Großzügig werden wir mit neuem geistlosem Liedgut versorgt. Die Predigt beginnt mit einer durchaus erzählenswerten Geschichte; dann aber gehen Kaplan und Diakon über zu einer Dialogpredigt – das heißt, sie spielen zwei Gesprächspartner; und wenn des Schauspielens unkundige Leute schauspielern, so heißt das vor allem: sie reden zu laut. Mir gelingt es dennoch, mich des Zuhörens zu enthalten; und als zwischendurch einmal ich das Wort «Navigationssystem» auffange, weiß ich, daß ich gut daran tue.
Bei den Fürbitten sollen wir ein «Netz» bilden: jeder soll seinem Vormann und seinem rechten Nebenmann je eine Hand auf die Schulter legen (auch auf dem Altar sehe ich dann ein Netz herumliegen). Aber mein rechter Nebenmann blickt friedlich vor sich hin; und auch von hinten bleibe ich unberührt.
Aber als dann beim Vater unser schon wieder alle sich an den Händen fassen sollen, gibt es auch für mich kein Entrinnen mehr.
W.H.W

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Sonntag, 14. März 2010

Sonntagsmesse in Yogyakarta

Die Messen am Sonntagmorgen werden zu völlig unchristlicher Zeit gefeiert; darum ziehe ich die Vorabendmesse vor.
Anders als die Kirchen des nördlichen Bataklandes ist die von Yogyakarta stilistisch neutral – nichts Javanisches in der Architektur, aber auch nichts penetrant Westliches. Im Innern freilich sind das Kruzifix überm Altar, die Herz-Jesu-Statue und die der Gottesmutter zu beiden Seiten ausgeprägt westlich, ebenso der Kreuzweg. Nur etwas abseits vom Altar steht ein Gong; auch sein Gestell ist gut javanisch. Er wird zur Wandlung geschlagen; vorher allerdings waren die Altarschellen an der Reihe.
Der Gottesdienst hat wenig Javanisches. Die Sprache ist Malaiisch («Indonesisch»), wie wir von unserer Gefährtin erfahren können, anstelle der javanischen Volkssprache, wohl weil die Katholiken hierzulande zum großen Teil keine Einheimischen sind. Schön aber ist er durch den reichen Gesang. Es ist europäischer Gesang (und kein NGL!); man hört, daß die Indonesier dazu Zugang haben. Wie in französischen Kirchen gibt es einen Rector chori, der von vorne den Gesang der Gemeinde leitet. Zur Opferung wird auf Malaiisch «Wir weihn der Erde Gaben» gesungen, ein Lied, das in unserem GL wenig benutzt liegen bleibt, zur Kommunion «Amazing grace». Bemerkenswert der Dialog zu Beginn der Präfation, der die lateinische Melodie recht unbeschädigt bewahrt, ganz anders also als die deutsche Fassung.
Nach der Kommunion kommen die Kinder nach vorne und werden gesegnet. Erst nach der Kommunion! – so wird anders als bei uns nicht der Eindruck erzeugt, es käme ja sowieso jeder zur Kommunion nach vorne; anders als bei uns wird so vermieden, daß etwa Partikel vom Leib des Herrn auf der Stirn der Kinder verwischt werden. Und die Segnung der Kinder erscheint wirklich als Segensritus, nicht etwa als Verlegenheitslösung, weil kleine Kinder die Kommunion noch nicht erhalten.
Nach der Messe folgt ein sakramentaler Segen. Und dabei nun ein Gesang in einer jedem verständlichen Sprache: das Tantum ergo.
So haben wir am Sonntagmorgen Zeit, in den Kraton zu gehen, wo ein Tanzspiel aufgeführt wird und dazu ein Gamelan spielt. Der Fürstenhof von Yogyakarta ist, so wie Java überhaupt zum großen Teil, von einer sonderbaren Mélange von Islam, Hinduismus und Buddhismus. Die Tänze [©Wiebke], die wir sehen, beruhen offensichtlich auf einer indischen Grundlage, sind dabei aber doch ganz entschieden javanisch. Im Publikum sind viele Touristen; und dennoch ist es nicht einfach eine Folklore-Veranstaltung, sondern ein Ereignis, das zum Leben der Menschen gehört. Die Tänzer, die hier ihren großen Auftritt erleben, sind Jugendliche; sie müssen diese komplizierten Tänze von Kindheit an geübt haben. Und man merkt ihnen die Hingabe an, mit der sie sich ihrer anspruchsvollen Aufgabe widmen.
So erlebe ich wieder, daß es Kindern und Jugendlichen Freude macht, wenn ihnen etwas Anspruchsvolles, aber auch sehr Schönes zugedacht wird und sie sich nicht mit «Kindgemäßem» begnügen müssen. Und ich denke an die Freude, die einem deutschen Kind das Ministrieren in der Venner Messe macht (auch wenn von jahrelangem Üben hier noch keine Rede ist).
Und wenn ich dem Sänger im Kraton zuhöre bei seiner langen Kantillation, die ein wenig an die Kantillationen der lateinischen Liturgie erinnert, wünsche ich mir, das eine solche Gesangsweise auch für die Lesungen in den katholischen Kirchen übernommen würde, die bisher nach neuwestlicher Weise nur gesprochen werden – das wäre eine sinnvolle Inkulturation.
W.H.W

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Orietur Occidens

Sonntag, 21.März 2010

Gottesdienst bei den Kapuzinern

Am Sonntag bin ich zur Mittagszeit in Frankfurt gelandet, gehe zu den Kapuzinern in die Messe – ich kenne sie schon von früher; vor vielen Jahren war ich öfters mal da.
Und es gefällt mir dort wieder. Eine sehr gute Sängerin singt vor, der Organist spielt ausgezeichnet, sogar das Glaubensbekenntnis wird gesungen.
Aber das ist es nicht allein, weswegen es mir hier so gefällt. Ich könnte auch einiges bekritteln: Orgelspiel in der Fastenzeit, am Passionssonntag! und das Glaubensbekenntnis ist nur das Apostolicum, in der miserablen modernen Übersetzung. Auch schwerere liturgische Fehler könnte ich bemängeln. Doch ich habe keine Lust dazu, denn das Wesentliche stimmt: es ist wirklich ein Gottesdienst. Wenn auch vor einer Lesung jemand eine einführende Bemerkung macht: ich habe doch den Eindruck, daß niemand erzählen, niemand plaudern will, niemand zeigen will, wie locker er sein kann. Alle Beteiligten scheinen wirklich Gottesdienst feiern, sich in die liturgische Ordnung einfügen zu wollen; und das prägt den Eindruck – solch ein Eindruck ist nicht alltäglich.
W.H.W

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Sonntag, 27. Juni 2010

Literarische und wirkliche Anliegen

Im Ritus der Messe ist ein Raum freigelassen für Fürbitten, die aber anders als in östlichen Riten nicht vorformuliert sind – doch wohl deshalb nicht, damit gegenwärtige Anliegen ihren Ort haben.
In der Sonntagsmesse jedoch erlebe ich wieder einmal anderes. Die Lektorin betet etwa für die Obdachlosen und die Flüchtlinge. Wichtige Anliegen! – doch sie erscheinen in dieser wohlhabenden Umgebung nicht, weil sie die Menschen hier zur Zeit beschäftigen, sondern weil im Evangelium (Lc. 9,51-62) die Rede davon war, daß der Menschensohn «keinen Ort» hat, «wo er sein Haupt hinlegen kann». Für die Menschen betet sie, die gerade jemand Nahestehenden verloren haben. Wieder ein wichtiges Anliegen – aber es geht um niemanden, der der Gottesdienstgemeinde am Herzen läge, sondern das Anliegen ist veranlaßt durch den Mann, der «zuerst heimgehen» und seinen «Vater begraben» möchte. Es wird gebetet für Menschen in Not, aber nicht das Mitempfinden mit ihnen in ihrer Not ist das Motiv dieser Fürbitten, sondern die literarische Anknüpfung an den zuvor gelesenen Text. So erscheinen diese Bitten als zufällig, es sind bei der Gottesdienstvorbereitung erdachte Schriebtischanliegen.
Erst als die Lektorin geendet hat, trägt der Priester noch ein wirklich gegenwärtiges Anliegen nach, er betet namentlich für die Genesung einer Frau, die eine schwere Operation hinter sich hat. Und ich denke an die Kirchen des byzantinischen Ritus, in denen ganz selbstverständlich in die vorformulierte Fürbittlitanei namentliche Bitten für einzelne Kranke eingefügt werden: «.. und richte sie auf von ihrem Lager!»
W.H.W

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Sonntag, 4. Juli 2010

«Suchen und finden»

heißt es im Titel der Religiösen Kinderwoche. Haben sie Ihn gefunden?
Zu Beginn des Sonntagshochamtes steht ein großer Pulk von Kindern, dazwischen die üblichen erwachsenen Anführer, vorne im Chor, versus populum gewendet. Das heißt, sie haben Altar und Tabernakel schräg hinter sich – und schenken weder dem einen noch dem anderen weitere Beachtung.
Sie suchen Ihn wohl gar nicht (und das ist sicher nicht Schuld der Kinder).
W.H.W

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Freitag, 13. August 2010

Dezidiert zeitgenössisch

Seit langem bekomme ich die Diskussion um «Stuttgart 21», den Neubau des Stuttgarter Hauptbahnhofs und damit verbundener Bahnlinien mit. Die Argumente, die ich dagegen höre, erscheinen mir recht überzeugend; aber ich habe mich nicht so intensiv damit beschäftigt, daß ich ein begründetes eigenes Urteil darüber hätte. Nun wurde der Architekt selbst in der tageszeitung dazu befragt. Dieses Interview erscheint mir aufschlußreich; dabei interessieren mich nicht so sehr das konkrete architektonische oder das verkehrspolitische Konzept, sondern die Denkweise, die dahintersteht.
«Wir machen dezidiert zeitgenössische Architektur» ist der Kernsatz des Architekten von «Stuttgart 21», Christoph Ingenhoven. Was das heißt, offenbart sich in seinen Kommentaren zum neuen Berliner und zum alten Stuttgarter Hauptbahnhof.
«In Berlin ist aus der ewigen Diskussion um Stein oder Glas eine sehr historisierende Architektur herausgekommen.» Meint er wirklich den Hauptbahnhof? Der ist in der Tat recht mißlungen, aber daß er historisierend sei, kann ich nicht entdecken. Oder ist das Interview in verwirrender Weise gekürzt?
Er fährt fort: «Das entsetzt mich zutiefst. Warum bedienen sich Menschen alter Stile? Um es etwas heimeliger zu haben? Das ist fahrlässig und bequem.» Etwas so haben zu wollen, daß es Menschen gefühlsmäßig anspricht, hier als «heimelig» abgewertet, ist demnach «fahrlässig und bequem». Seine eigenen Gefühle dagegen – «Das entsetzt mich zutiefst» – finden unbeanstandet ihren Platz in seiner Argumentation.
Weiter: «Das heißt, sich mit den Problemen und Formen und auch den Möglichkeiten seiner Zeit nicht auseinandersetzen zu wollen, denn dazu müssten wir uns anderer Materialien und Techniken bedienen.» Sich mit den «Formen und ... Möglichkeiten seiner Zeit» auseinanderzusetzen hieße also, sich ihnen einfach zu unterwerfen; eine kritische Auseinandersetzung – sich etwa auch ihrer zu enthalten – scheint für ihn keine Denkmöglichkeit zu sein.
Zum alten Kopfbahnhof von Paul Bonatz: «Bonatz war also eher ein Antimoderner.» Und dann: «Sein ganzer Kopfbahnhof mit den riesigen Bögen hat eine ungewöhnliche Monumentalität, stilistisch ein Rückgriff auf die Ritterburg.» Man darf wohl keinem Ritter empfehlen, sich von Herrn Ingenhoven seine Burg bauen zu lassen. «Dieselbe antimoderne Haltung ... Die will erhalten, nicht verändern.»
Zentrales Kriterium für Herrn Ingenhoven ist also nicht, ob etwas gut oder schlecht ist, schön oder häßlich, und nur am Rande, ob es zweckmäßig ist – ausschlaggebend ist für, ob es modern ist, ob es verändern (erwünscht) oder erhalten (unerwünscht) will. Monumentalität wäre also abzulehnen, weil es sie in alter Zeit gab, vorgeblich bei Ritterburgen.
Bemerkenswert ist auch, wie er die Gegner bewertet: «Das sind meistens nette, normale Bürger, die, um es vorsichtig zu sagen, der älteren Generation angehören», die «keine Veränderung wollen». (In einem Leserbrief bemerkt dann eine Kollegin, daß auch Herr Ingenhoven «ja selbst nicht mehr der Jüngste» sei.) Und auf den Einwand «Tatsächlich sind aber auch sehr viele junge Menschen dabei, in Umfragen ist die Mehrheit gegen "Stuttgart 21"»: «Das sind doch Märchen. Fakt ist, dass lange Zeit eine Mehrheit dafür war.» Der Vorkämpfer des Zeitgenössischen weist also das Argument, daß ganz aktuell die Mehrheit dagegen ist, zurück mit dem Argument, daß lange Zeit eine Mehrheit dafür war».
Wer sich dem «Modernen» widersetzt, wird, wieder einmal, mit starken Worten zur Konformität verpflichtet.

Nachtrag vom Donnerstag, 19. September 2013:
• Vae victis! •
W.H.W

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Sonntag, 22. August 2010

Das Gedächtnis von diensttuenden Laien

Sonntagsmesse in einem kleinen Priorat. Vor der Messe bringt die Lektorin ein Buch zum Lesepult, geht dabei vorm Altar vorbei und dann wieder gleichen Wegs zurück, ohne den Altar irgendwie zu beachten.
Als sie aber während der Messe zur Lesung schreitet, macht sie vorm Altar die angemessene Verneigung (oder war es gar eine Kniebeuge).
Leider! – als sie das Buch nach der Messe wegträgt, hat sie das bereits wieder vergessen.
W.H.W

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Sonntag, 19. September 2010

Es soll was bedeuten

Caritassonntag. Bei der «Begrüßung» zur Sonntagsmesse treten zwei, drei Damen vor. Sie haben alle etwas mitgebracht und sagen das auch: «Ich bringe ... Das bedeutet ...».
Gut gemeint; und Caritas ist ja wirklich eine ganz wichtige Sache. Nur: wenn bei einem Symbol dazugesagt werden muß, daß das etwas bedeutet, so zeigt das, daß das Symbol selbst eben nichts bedeutet. Besser wäre es gewesen, sie hätten darauf verzichtet.
W.H.W

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Samstag, 2. Oktober 2010

Fest der heiligen Märtyrer Ewald & Ewald

Festhochamt am Vorabend. Unserem Tag der Abendländischen Musik zu Ehren zelebriert der Priester die Messe weitgehend auf Latein.
Es ist schön, zu sehen, wie (in einer eigentlich nicht sonderlich schönen Kirche) der Priester vor (vor!) dem Altar steht und ihn inzensiert. Es ist schön, die gregorianischen Gesänge hören, die lateinischen Texte zu hören, schön, statt der Alltagshochgebete den römischen Kanon zu hören.
Was mir aber besonders auffällt, sind die (deutschsprachigen) Fürbitten. Daß auch wir ins Buch des Lebens eingeschrieben werden, wird gebetet. Eine Bitte um das eigene Seelenheil habe ich in westlichen Kirchen schon sehr lange nicht mehr gehört.
W.H.W

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Sonntag, 13. Februar 2011

Vorstellung der Erstkommunionkinder

In jener hier oftgenannten Vorstadtkirche am Rande des Ruhrgebiets sollen heute die Erstkommunionkinder vorgestellt werden. Zu Beginn der Messe kräht ein Kinderchor: «Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt» – niedlich! eine Aufführung für die zahlreich anwesenden Eltern und Verwandten. Teil des Gottesdienstes sein will dieses Lied nicht: die Kinder stehen der Gemeinde zugewandt, mit dem Rücken zum Tabernakel. Gemeinde als Schiff – das wird uns die ganze Messe hindurch verfolgen: im Tagesgebet kommen Surfbretter und Schlauchboote vor, in der Schlußformel des Gabengebets heißt es «durch ... unseren Bruder und Kapitän», und «Ite, missa est» wird übersetzt durch «Stecht in See ...».
Nach dem Eingangslied: «Herzlich begrüße ich Sie ...» geht in eine längere Ansprache über, an deren Ende dann auch noch der Herr erwähnt wird. Anstelle der Lesungen hält ein Lektor eine Ansprache, nach dem Evangelium noch eine, nun anstelle der Predigt. Dann werden die Erstkommunionkinder samt ihrer Eltern in den Altarraum gerufen; sie alle stiefeln herauf, ohne Altar, Kreuz oder Tabernakel zu beachten. Und wieder stehen alle dem Volk zugewandt: wir werden zum Publikum, dem etwas gezeigt werden soll.
Nun wird eines der Kommunionkinder getauft, was verbunden wird mit der Erneuerung des Taufversprechens der anderen – sinnvoll; allerdings sind die Sätze, auf die geantwortet werden soll: «Wir widersagen», «Wir glauben» und «Ja, das wollen wir», so flachsinnig selbstgestrickt, daß anscheinend auch den Kindern die Lust vergeht; man hört fast nur den Priester sich selbst antworten (es ist noch kein neuer Pfarrer).
Ein kleiner Beitrag zur Ehrlichkeit: in den ausgelegten Liederzetteln wird «Hevenu schalom» nicht Agnus Dei genannt, sondern «Lied zum Friedensgruß».
Am Ende der Messe applaudiert die Gemeinde nach ausdrücklicher Aufforderung durch den Priester dann dem Kinderchor, der noch mehr Lieder zum Besten gegeben hatte. Sich selbst weiß der Priester ein «Danke, gleichfalls» zu ernten.
Und natürlich hat es allen gefallen. Der Veranstalter konnte seine irgendwie originellen Ideen anbringen, und Eltern und Angehörige konnten die Kinder vorne auf der Bühne (oder wie immer das in der Kirche heißt) bewundern.
W.H.W

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Aschermittwoch, 9. März 2011

Aschenkreuz und Kommunion

Es sind viele Menschen heute in der Kirche. Der Priester teilt allein das Aschenkreuz aus. Das dauert natürlich, aber das darf so sein. Ein Lied wird gesungen, danach spielt noch etwas die Orgel (na ja!) – so wird diese Zeit gut gestaltet.
An der Kommunionausteilung aber beteiligt sich eine Laiin (immerhin: sie trägt eine violette Jacke).
Ich will natürlich nicht der Aschenkreuzspendung durch Laien das Wort reden, aber die Frage stellt sich da doch: was ist wichtiger: Aschenkreuz oder Kommunion?
W.H.W

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Samstag, 12. März 2011

Überlieferter römischer Ordo im XXI. Jahrhundert

Nachdem das Sanctus verklungen ist, tritt Stille ein; dann hört man ein Klingeln.
Nein, es ist nicht das Glöckchen des Ministranten; es ist das Handy des Zelebranten.
W.H.W

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Palmsonntag, 17. April 2011

Guter Gedanke, aber ...

Zur Sonntagsmesse heute in der Kirche einer Diasporastadt. Während Lesung der Passion zeigen Kinder an einigen Stellen selbstgemalte Bilder. Gegen die Bilder ist nichts zu sagen; ein netter Gedanke, der den Gottesdienst eigentlich nicht stört.
Eigentlich! – aber der Priester sagt immer auch noch, was man doch selber schon sieht, nämlich daß die Kinder, die den Altar umrunden, jetzt ein Bild zeigen. Mal macht er bei der Gelegenheit noch ein Paar fromme Worte dazu – während der Passion, als genüge deren Text nicht.
Und einmal sehe ich auch eine Kinderdompteuse sich mißtrauisch zwischen Altar und Bänken bewegen – sorgt sie sich etwa, die Kinder könnten flüchten? oder den Altar stürmen?
Schade!
W.H.W

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Karfreitag, 22. April 2011

Improperien

Karfreitagsliturgie in der Propstei. Es werden die Improperien gesungen, und zwar gemischt: das «Popule meus» und das Trishagion auf Latein vom Chor – Palestrina –, die Strophen solistisch auf Deutsch. Ein gelungener Kompromiß, scheint mir; die Sprachunkundigen verstehen das meiste, und der mehrstimmige Gesang hat doch erfreulich viel Raum.
Was allerdings nicht geht, ist «Ecce lignum crucis» auf Deutsch (GL 204/2).
Anschließend wird noch ein deutsches Kirchenlied der örtlichen Tradition gesungen, so daß auch der Chor Zeit hat zur Kreuzverehrung.
W.H.W

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Freitag, 24. Juni 2011

Die Schatzkammer des Doms zu Bautzen

Die Öffnungszeiten sind etwas knapp bemessen; aber der Empfang ist äußerst freundlich, Eintritt kostet es nicht. Als die sehr alte Dame außer Atem gerät und sich auf einen antiken Stuhl fallen läßt, wird uns erlaubt, den Stuhl für sie von Raum zu Raum mitzunehmen, damit sie alles im Sitzen sehen kann.
Paramente, Bilder, liturgische Geräte. Am bemerkenswertesten erscheint mir die Sammlung der Kelche, sie reicht von der spätesten Gotik bis zur frühen Moderne. Natürlich sind die gotischen besonders schön. Auffällig aber ist die Vielgestaltigkeit der Kelche von der vorletzten Jahrhundertwende: teils neobarock, teils aber auch schlicht-elegant; deren einige können neben den ältesten bestehen. Eine Art von Bauhaus? Nein, dieser liturgische Stil ist etwas älter als das Bauhaus.
Etwas stört es mich, auch Reliquiare zu sehen, die wohl nicht leer sind. Reliquien gehören in die Kirche, nicht ins Museum. Aber ...
Gerade zu Fronleichnam ist eine besonders prächtige von den ausgestellten Monstranzen benutzt worden, so hören wir. Zu den entsprechenden Festen werden auch die Reliquien in der Kirche ausgestellt. Und die Figur des Auferstandenen, die wir hier sehen, steht von Ostern bis Himmelfahrt im Dom – wirklich bis Himmelfahrt, nicht etwa novo ordine bis Pfingsten.
Darum wurden die Räume auch Schatzkammer genannt, nicht Museum, wird uns gesagt: die Schätze warten hier auf ihre liturgische Benutzung.
W.H.W

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Sonntag, 31. Juli 2011

Die wunderbare Brotvermehrung

Ein neuer Diakon predigt über die Brotvermehrung (Matth. 14, 13-21). War es ein Wunder? Was ist eigentlich ein Wunder? In seinen Deutungen verschwimmt das.
Was bleibt, ist dies:
Der Herr habe die Apostel aufgefordert, alles, was sie bei sich hatten, herzugeben; und schließlich hätte es dann – wie auch immer – für alle gereicht.
Und die zwölf Körbe mit den Krümmeln?
Die hätten die zwölf Apostel dann nutzen können, um noch weiter zu verteilen.
Eine aparte Vorstellung: die Apostel ziehen durchs Land, um altbackene Brotkrümel zu verteilen.
Welch eine Denkweise liegt eigentlich solch einer Textauslegung zugrunde?
Ihrzufolge wäre Christentum eigentlich ganz einfach: Leute, teilt, was ihr habt!
(Ja, freilich; nur: das wußte man schon vorher, schon in ägyptischen Texten des neuen Reiches findet man Forderungen, zu teilen, wie sie dann auch Jesus gestellt hat.)
Weil also das Christentum demnach so einfach wäre, daß man damit keine Katze hinter dem Ofen hervorlocken könnte, hätte man es etwas knalliger gemacht, indem man es mit dem Anschein eines großen Wunders ausstaffiert hätte.
Ich aber meine, daß die Forderung, zu teilen, richtig und wichtig ist und darum an vielen Stellen der Evangelien erscheint; daß die Berichte von den wunderbaren Brotvermehrungen aber die Macht des Herrn zeigen. Und wenn ich sehe, wie er selber später noch einmal von diesen Wundern spricht (Matth. 16, 7-10 und, deutlicher noch, Marc. 8, 16-21), kann ich feststellen: auch Er hat es so gesehen.
Nach der Messe spreche ich eine mir bekannte ältere Frau darauf an: nein, sie hat nicht bemerkt, daß die Predigt das Wunder vernebelt hat; sie habe sehr viel mitgenommen von dieser Predigt. Der Glaubenssinn des einfachen Volkes wird also mit so mancher besonderen Predigt fertig.
W.H.W

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Sonntag, 18. Dezember 2011 und 1. Januar 2012

Eilends zum Lesepult

Sonntagsmesse in der Pfarrkirche im Gründerzeitviertel unseres obersächsischen Großstädtchens.
Zwei konzelebrierende Priester erscheinen und eine Frau als eine Art von Levitin. Während die Gemeinde das Lied zum Einzug singt, stehen sie schon längst zu dritt nebeneinander hinter dem Lesepult, blicken auf die Gemeinde.
Sehen wir einmal ab von der Levitin, zu der natürlich noch etwas zu sagen bliebe – sie wird danach begrüßen und später – vor den Ohren zweier Priester – auch predigen.
Davon also abgesehen: Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn wenigstens während des Liedes zum Einzug die Zelebranten betend vorm Altar stehen blieben.
Zwei Wochen danach; wir haben die obersächsische Diaspora verlassen, um in dem Landstrich, in dem, wie wir von Heinrich Böll wissen, «die Erde katholisch» ist «und die Hühner und die Hunde auch, auch die Rüben, die da wachsen.»
Einige Leute ziehen vor dem Priester ein: ein Mann im Chorhemd, ein Mann mit Krawatte, ein Mann in Räuberzivil und eine Frau mit Betonfrisur. So steht uns, versus populum, eine geschlossene Front gegenüber, als nun der Priester der Gemeinde erklärt, die (ziemlich wörtlich!) hier oben am Altar wünschen der Gemeinde ein gutes Neues Jahr; und die da unten im Kirchenschiff antworten nach Klippschulmanier: «Danke, gleichfalls!»
Später kommuniziert die Front oben am Altar versus populum, sub utraque. Und schließlich wird bei den Vermeldungen noch einmal gesagt, das Seelsorgeteam wünsche allen ein gutes Neues Jahr – als sei es immer noch nicht klar genug, wem die Kirche hier gehöre.
W.H.W

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Weihnachten, 25.Dezember 2011

Um den Altar herum

Auf Stroh gebettet liegt eine Puppe als Christkind vor dem Altar. Ein freundlicher, engagierter junger Priester (nein, dankenswerterweise nicht mehr jene Laiin) hält die Predigt. Er legt das Weihnachtsevangelium vom fleischgewordenen Wort aus. Dazu holt er das Evangelienbuch, das mitten auf dem Altar liegt, stellt es hinter das Kind; schließlich stellt er noch einige Blätter mit entsprechenden Worten vor das Kind.
Nur: während er so um den Altar herumwuselt, bleibt der Altar selbst unbeachtet.
W.H.W

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Sonntag, 12. Februar 2012

Was sagt man seinen Erstkommunikanten?

Vorstellung der Erstkommunikanten.
«Wir sind hier, weil J. unser Freund ist; das wollen wir feiern.»
«Er ist unser Freund, ist für uns da, hat immer für uns Zeit»
Und Gebete enden mit: «.. durch Chr., unsern Freund und Bruder.»
Ich zum Beispiel habe schon Freunde; wenn Er nicht mehr für mich wäre, brauchte ich nicht zur Kirche zu gehen. Und ich hoffe, den Kindern geht es ähnlich. Mit solcher Anbiederei, scheint mir, lockt man weder Katze noch Kind hinterm Ofen hervor.
W.H.W

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Sonntag, 29. Januar 2012

Es soll etwas bedeuten

Ein örtlicher Konvent feiert sein zwanzigjähriges Bestehen; der Bischof selber gibt sich die Ehre zur Festmesse.
Bemerkenswert ist, wie die Fürbitten mit der Gabenprozession kombiniert werden: eine beträchtliche Zahl von Menschen geht nach vorne zum Lesepult und sagt etwas solcher Art: «Ich bringe ...; das bedeutet ...». Nun: wenn etwas was bedeuten soll, aber dazugesagt werden muß, was es denn bedeuten soll, dann bedeutet es eben nichts.
Inhalte durch Zeichen zu kennzeichnen, kann mnemotechnisch zwar Sinn haben; aber hier geht es ja nicht darum, etwas zu behalten, es wäre auch viel zu viel, sich all das zu merken, um etwa später noch einmal privat für all das zu beten. Nein, hier ist es nichts als eine sinnnleere, unansehnliche Ausschmückung.
W.H.W

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Gründonnerstag, 5. April 2012

Kreative Ideen für den Karfreitagsgottesdienst

Gründonnerstagsmesse in meiner Pfarrkirche. Zum Schluß werden wir aufgefordert, morgen zum Karfreitagsgottesdienst Blumen mitzubringen.
Und so weiß ich, in welche Kirche ich morgen nicht gehen werde.
W.H.W

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Dienstag, 24. April 2012

Geht das lange Leiden vieler an «allen» zu Ende?

Endlich!
Papst Benedikt spricht ein klares Wort, freundlich und ganz ausführlich; der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz bedankt sich für den Unterricht in den Elementargründen der Theologie und will der Forderung des Papstes Folge leisten.
Erinnert sei an das, was vorangegangen ist (ich übernehme die Einzelheiten vom Portal zur katholischen Geisteswelt):
P. Prosinger von der Petrusbruderschaft hatte längst aufgezeigt, daß die richtige Übersetzung für «pro multis» (selbstverständlich!) «für viele» ist; Kardinal Ratzinger wies in einem Brief vom 23. Juli 2004 P. Wildfeuer darauf hin.
Mit einem Brief vom 17. Oktober 2006 (mit dem Aktenzeichen 467/05/L) gab Kardinal Arinze als Präfekt der Gottesdienstkongregation den nationalen Bischofskonferenzen die Anweisung, in den volkssprachlichen Texten «pro multis» richtig mit «für viele» zu übersetzen, nicht mehr mit «für alle». Manche folgten, Ungarn etwa und Mexikaner – die deutschsprachigen Bischöfe aber nicht. Die Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz war laut KNA „dafür, die theologisch korrekte Aussage «für alle» beizubehalten und sie nicht durch die enger am lateinischen Text liegende Variante «für viele» ersetzt wird.“
Eine eigentümliche Feststellung! Es gibt sehr viele theologisch korrekte Aussagen, die dennoch keine Übersetzung von «pro multis» sind.
Nun hat, wie gesagt, Papst Benedikt die Anweisung der Gottesdienstkongregation höchstpersönlich wiederholt und dabei, freundlich und ganz ausführlich, den deutschsprachigen Bischöfen Anfängerunterricht in Theologie gegeben.
Beachtenswert und auch vielsagend, wie freundlich der Papst die Motive der Übersetzung «für alle» erklärt:
«Lassen Sie mich zunächst kurz ein Wort über die Entstehung des Problems sagen. In den 60er Jahren, als das Römische Missale unter der Verantwortung der Bischöfe in die deutsche Sprache zu übertragen war, bestand ein exegetischer Konsens darüber, daß das Wort „die vielen“, „viele“ in Jes. 53,11 f. eine hebräische Ausdrucksform sei, um die Gesamtheit, „alle“ zu benennen.
Das Wort „viele“ in den Einsetzungsberichten von Matthäus und Markus sei demgemäß ein Semitismus und müsse mit „alle“ übersetzt werden. Dies bezog man auch auf den unmittelbar zu übersetzenden lateinischen Text, dessen „pro multis“ über die Evangelienberichte auf Jes. 53 zurückverweise und daher mit „für alle“ zu übersetzen sei. Dieser exegetische Konsens ist inzwischen zerbröckelt; er besteht nicht mehr.»
Also: ein «exegetischer Konsens», der vor weniger als fünfzig Jahren bestanden hat, ist heute Makulatur. Was sagt das aus über den Wert von «exegetischem Konsens»?
Aber: solch ein Konsens hätte niemals bestehen dürfen. Das Hebräische unterscheidet ebenso wie andere semitische Sprachen und wie das Deutsche, Griechische, Lateinische und alle anderen Sprachen, die ich kenne, zwischen «alle» – «kol» – und «viele» – «rabbim». Ob Jesaja in den Versen 53,11 f., wenn er von «vielen» spricht, alle meint, ist eine Frage der Exegese; für die Übersetzung hat zu gelten, was er sagt, nicht was er der Meinung des Übersetzers nach meint. Und er sagt eben ganz klar: «rabbim – viele».
«Diese Verschmelzung von Übersetzung und Auslegung gehört in gewisser Hinsicht zu den Prinzipien, die unmittelbar nach dem Konzil die Übersetzung der liturgischen Bücher in die modernen Sprachen leitete. Man war sich bewußt, wie weit die Bibel und die liturgischen Texte von der Sprach- und Denkwelt der heutigen Menschen entfernt sind, so daß sie auch übersetzt weithin den Teilnehmern des Gottesdienstes unverständlich bleiben mußten», so fährt der Papst fort. «So fühlte man sich nicht nur berechtigt, sondern geradezu verpflichtet, in die Übersetzung schon Interpretation einzuschmelzen und damit den Weg zu den Menschen abzukürzen, deren Herz und Verstand ja von diesen Worten erreicht werden sollten.»
Ich habe nicht so viel Verständnis wie der Papst für die Übersetzer der Zeit nach dem Konzil. Denn was er über diese sagt, heißt doch schlicht, man hielt uns Laien für so dumm, daß wir nur vorgekaute Nahrung vertrügen. Von den «mündigen Laien», von denen in der Zeit des II. Vaticanum so gern die Rede war, war schon nach wenigen Jahren nichts mehr übrig in der Vorstellung der einschlägigen Theologen.
W.H.W
Prof. Müller plädierte dafür, bei der bisherigen Übersetzung «für alle» zu bleiben, statt wie vor der Liturgiereform von 1970 während der Eucharistiefeier «für viele» zu sagen. «Woher will der Papst wissen, ob nicht auch die Evangelisten interpretiert haben», fragte der Theologe. Den aramäischen Wortlaut Jesu hätten weder die Evangelisten noch die heutige Kirche gehört.
vvm, Religion und Politik
www.uni-muenster.de/Religion-und-Politik/aktuelles/2012/apr/PM_Papstbrief_Kelchwort.html
Welch ein Argument! Weil es sein könnte, daß der biblische Text schon eine Interpretation enthalte, könne in neuen Übersetzungen nun beliebig weiterinterpretiert werden.
Einmal abgesehen davon, daß für die Kirche nicht irgendwelche unbekannten Grundlagen des biblischen Textes gültig sind, sondern gültig der bekannte überlieferte Text ist, sehe ich als Laie mich irregeführt und mißachtet, wenn mir statt des kanonischen Textes die Interpretationen irgendwelcher Theologen zugemutet werden.
W.H.W

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Juli 2012 — Juni 2016:
• LITURGICA III •
Ab Juli 2016:
• LITURGICA IV •

Orietur Occidens