Moralia III
• Orietur Occidens •
Offene Antwort auf einen Offenen Brief
Sehr geehrter Herr Professor Küng,
Ihren
Offenen Brief habe ich mit Interesse gelesen. Bitte gestatten Sie mir eine offene Antwort.
«Vertan die Annäherung an die evangelischen Kirchen: Sie seien überhaupt keine Kirchen im eigentlichen Sinn, deshalb keine Anerkennung ihrer Ämter und keine gemeinsamen Abendmahlsfeiern möglich», lese ich. Meiner Kenntnis nach beanspruchen die evangelischen Kirchen in Deutschland gar nicht, ein Amt in apostolischer Sukzession zu besitzen, lehnen ein solches gar grundsätzlich ab. Darum gibt es in ihnen gar keine Ämter, die man anerkennen könnte.
«Der Papst führt eine vorkonziliare Fürbitte für die Erleuchtung der Juden wieder ein», lese ich. Ich erinnere mich, daß der Papst eine vorkonziliare Fürbitte für die Erleuchtung der Juden abgeschafft, durch eine unbestimmtere Formulierung ersetzt hat.
«Der Papst ... nimmt notorisch antisemitische schismatische Bischöfe in die Kirche auf», lese ich, womit nur Bischöfe der Pius-Bruderschaft gemeint sein können. Von einem dieser vier Bischöfe wurden nach der Aufhebung der Exkommunikation Äußerungen bekannt, die es begründen, ihm Antisemitismus zu unterstellen. Einen Zusammenhang zwischen der Exkommunikation der vier und dem später dann offenkundig gewordenen Antisemitismus des einen gibt es nicht.
Von «Benedikts Regensburger Rede, in der er, schlecht beraten, den Islam als Religion der Gewalt und Unmenschlichkeit karikiert», lese ich. Ich erinnere mich, daß Papst Benedikt damals nicht den Islam «karikiert», sondern Kaiser Manuel II. zitiert hat, der seinerseits den Islam nicht «karikiert», sondern sehr direkt angegriffen hat.
«Vertan die Chance, mit den modernen Wissenschaften Frieden zu schließen: durch unzweideutige Anerkennung der Evolutionstheorie ...», lese ich. Sie selbst haben das päpstliche Lehramt in Sachen der Glaubenslehre und der Moral einst in Zweifel gezogen. Nun wollen Sie, daß der Papst auch noch ein Lehramt in Sachen der Naturwissenschaft ausübt: «durch unzweideutige Anerkennung der Evolutionstheorie ...».
«Vertan die Annäherung an die evangelischen Kirchen» und «Er realisiert nicht die in offiziellen ökumenischen Dokumenten (ARCIC) vorgezeichnete Verständigung mit der Anglikanischen Kirche», lese ich einerseits, «Er hat außerhalb der katholischen Kirche illegal ordinierte Bischöfe der traditionalistischen Pius-Bruderschaft, die das Konzil in zentralen Punkten ablehnen, ohne Vorbedingungen in die Kirche aufgenommen» andererseits. Das heißt doch, daß wir anerkennen müssen, daß er die Annäherung an die Piusbruderschaft nicht vertan, sondern die Verständigung mit ihr wirklich realisiert hat. Und die Piusbruderschaft erkennt sehr viel mehr ökumenische Konzilien an als die evangelischen Kirchen und als die Anglikanische Kirche.
Und Sie selbst, Herr Professor Küng, haben sich einst in den Ruf gesetzt, in einem zentralen Punkt das I. Vaticanum nicht anzuerkennen; heißt das also, daß Sie jetzt das I. Vaticanum eindeutiger anerkennen als die Bischöfe der Pius-Bruderschaft das II.?
«Vertan die Chance, den Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils endlich auch im Vatikan zum Kompass der katholischen Kirche zu machen und ihre Reformen voranzutreiben», lese ich einerseits, «Er fördert mit allen Mitteln die mittelalterliche Tridentinische Messe und feiert selber die Eucharistiefeier gelegentlich auf Latein ...» andererseits. Tridentinisch ist mittelalterlich? Ein Mittelalter, das vom späten XVI. Jahrhundert bis 1969 dauerte? Ich allerdings habe Papst Benedikt so verstanden, daß er die ins christliche Altertum zurückreichende Form der Liturgie wieder ermöglichen wollte, sei es nun ihre tridentinische Ausprägung, ihre örtliche Ausprägung in Lyon oder Braga oder eine der alten Orden.
Was aber das II. Vaticanum angeht, so hatte es doch gewollt, daß der Gebrauch der lateinischen Sprache bewahrt werde. Wenn also Papst Benedikt die Eucharistiefeier gelegentlich auf Latein feiert, so macht er damit dieses Konzil wieder ein wenig mehr zum «Kompass der katholischen Kirche».
«Noch am 18. Mai 2001 sandte Ratzinger ein feierliches Schreiben über die schwereren Vergehen („Epistula de delictis gravioribus“) an alle Bischöfe. Darin werden die Missbrauchsfälle unter das „Secretum Pontificium“ gestellt, bei dessen Verletzung man sich schwere Kirchenstrafen zuziehen kann», lese ich.
Dieses Schreiben besagt nicht etwa, daß es den Opfern, ihren Vertrauenspersonen, den Zeugen oder sonst wem untersagt wird, über diese Taten zu sprechen, sondern es fordert nur die auch im staatlichen Bereich bei gerichtlichen Verfahren selbstverständliche Verschwiegenheit über den Prozeß selbst und die Prozeßakten.
«Er realisiert nicht die in offiziellen ökumenischen Dokumenten (ARCIC) vorgezeichnete Verständigung mit der Anglikanischen Kirche, sondern versucht verheiratete anglikanische Geistliche durch Verzicht auf die Zölibatsverpflichtung in die römisch-katholische Kirche zu locken», lese ich. Ich erinnere mich, daß der Wunsch nach Vereinigung mit der katholischen Kirche bei den anglikanischen Geistlichen selbst bestand, die durch das Vorgehen ihres Episkopats in Gewissensnöte geraten waren. Darf ein Papst Christen, die danach suchen, die Vereinigung mit der katholischen Kirche versagen?
«Papst Benedikt XVI. scheint sich zunehmend von der großen Mehrheit des Kirchenvolkes zu entfernen, das sich ohnehin immer weniger um Rom kümmert und sich bestenfalls noch mit Ortsgemeinde und Ortsbischof identifiziert», lese ich. Ich kann versichern, daß der Großteil der Katholiken, die ich kenne, ebenso wie ich selber Papst Benedikt keineswegs als entfernt erleben, sondern als uns sehr zugewandt, mehr noch denn «Ortsgemeinde und Ortsbischof».
Mit freundlichen Grüßen
W.H.W
• Reden Sie mit! •
• Orietur Occidens •
Der Weltethiker
« Kontakt
Sie möchten die Stiftung Weltethos in Tübingen kontaktieren?
Sie möchten Prof. Hans Küng kontaktieren?
Schreiben Sie uns, rufen Sie an, Mailen Sie oder schicken Sie ein Fax.
Stiftung Weltethos
Waldhäuser Straße 23
D-72076 Tübingen
Vor einer Woche habe ich dieses Angebot genutzt: ich habe auf einen
Offenen Brief eine
Offene Antwort geschrieben, sie an diese e-Adresse geschickt und zur gleichen Zeit ins Netz gestellt.
In dieser Offenen Antwort habe ich mich bewußt nicht auf Themata eingelassen, die differenzierter Diskussion bedürfen, ich habe mich nicht auf die Frage eingelassen, ob das Verbot künstlicher Empfängnisverhütung vielleicht ethisch begründet ist, ob kirchlicherseits der Gebrauch von Kondomen überhaupt verboten ist, wenn nur Infektionsprophylaxe intendiert ist, nicht aber Empfängnisverhütung. Ich habe nicht gefragt, für wie nützlich Weltethiker Kondome halten, die die Lagerungsbedingungen afrikanischer Dörfer oder Slums zu durchstehen hatten.
Ich habe nicht gefragt, wie es weltethisch zu bewerten ist, für die Stammzellenforschung Menschen zum alsbaldigen Verbrauch zu produzieren (denn nur darum kann es gehen – Forschung mit «adulten Stammzellen» ist theologisch ja schwerlich zu beanstanden). Ich habe auch nicht gefragt, ob als weltethische Richtschnur Versprechungen der Wissenschaftsindustrie taugen, die offensichtlich darauf ausgerichtet sind, in der Öffentlichkeit möglichst viel Stimmung zu machen, nicht aber an realistischen Erwartungen der Wissenschaft orientiert sind.
Ich habe nur auf offenkundige logische Brüche im Offenen Brief hingewiesen.
Welche Antwort nun habe ich vom Protagonisten des Dialogs bisher bekommen? – Keine!
W.H.W
• Reden Sie mit! •
• Orietur Occidens •
Stockholm-Syndrom und Sparmaßnahmen
Geiseln beginnen mit den Geiselnehmern zu sympathisieren – während einer Geiselnahme in Stockholm ist das zum ersten Mal der unkundigen Öffentlichkeit aufgefallen. Aber das ist ein ganz häufiges Phänomen, das nur den Laien verwundert. Wer in der Gewalt eines anderen ist, erlebt Machtlosigkeit, wünscht sich Macht oder eher, da die er offenkundig nicht hat, Hilfe von jemand Mächtigem. Das aber ist für ihn ganz unmittelbar der, in dessen Gewalt er ist. Also bietet es sich an, sich mit ihm zu «identifizieren» oder, weniger vollmundig ausgedrückt, auf ihn alle Hoffnung, alles Vertrauen zu setzen.
Keineswegs geht es dabei nur um Geiselnahme. Wo immer ein Mensch einem anderen ausgeliefert ist, geschieht solches leicht. Es gibt ein Analogon zum Stockholm-Syndrom im Kleinen, im Familiären: mißhandelte Ehefrauen wollen nicht fliehen, kehren immer wieder zurück zu ihrem Peiniger. Es gibt es im ganz Großen, im Staat: «Wenn der Führer das wüßte» soll im Dritten Reich ein geflügeltes Wort gewesen sein. Und noch lange danach fanden etliche Menschen, daß unter ihm irgendetwas besser gewesen sei. Anderswo spielten andere Tyrannen wie etwa Stalin eine ähnliche Rolle.
Mit anderen Worten: durch brutale Macht kann man Menschen abhängig machen. In einem als Rechtsstaat verfaßten Land ist das freilich schwieriger – obwohl auch dort man daran arbeiten kann, wie in Italien unter der gegenwärtigen Regierung zu sehen ist. Aber das ist nicht unproblematisch.
Was für den durchschnittlichen demokratischen Machthaber bleibt, sind Sparmaßnahmen. Jeder, der nicht wirklich reich ist, muß zittern, um seinen Lebensunterhalt fürchten, denn Sparmaßnahmen bedeuten nun einmal, daß Stellen eingespart, Projekte nicht mehr finanziert werden, daß, besonders wenn an Sozialleistungen gespart wird, die Wirtschaft abgewürgt wird, weil die, die davon betroffen sind, nur noch ganz wenig kaufen können. Da heißt es dann, das Vertrauen auf die Mächtigen zu setzen. Mit anderen Worten: wer mit seiner Macht Not zu schaffen weiß, wird das Vertrauen vieler seiner Opfer ernten.
Und wenn man an den Arbeitslosen, vor allem an den Langzeitarbeitslosen spart, kann man noch die Möglichkeit der Opferbeschuldigung nutzen («blaming the Victim» heißt das auf Englisch. «Victim – victima» ist klar; «blaming» kommt vom französischen «blasmer» [moderne Orthographie: «blâmer»], entstanden aus «blasphemare»). Jeder fürchtet, Opfer zu sein; man kann seine Furcht reduzieren, indem man den Opfern selbst die Schuld gibt. Also: die Opfer betrachtet man als selbst schuld an ihrer Arbeitslosigkeit, und so kann man versuchen, sich selbst zu beruhigen (ist das etwa schwierig? dann muß man sich eben noch mehr einreden, sie selbst seien schuld).
So also sichern Sparmaßnahmen die Macht.
W.H.W
• Reden Sie mit! •
• Orietur Occidens •
Gibt es ein Recht auf Eigentum?
Das Eigentumsrecht erscheint hierzulande als höchstes Prinzip – von den Rechten der Alteigentümer im früheren Deutschdemokratien bis zu den
Rechten von Unternehmenseignern gegenüber ihren Arbeitnehmern (ungeachtet der grundgesetzlichen Norm, Eigentum verpflichte). Aber gilt er auch für kleine Gewerbetreibende?
Handwerker und Händler – sein kleiner Gewerbebetrieb ist fest eingesessen, genießt Ansehen in dem obersächsischen Großstädtchen. Leider liegt sein Betrieb an dem Flüßchen, das der Stadt den Namen gibt, nahe einer Brücke, die über dieses Flüßchen führt. Diese Brücke mußte nun erneuert werden. Dadurch kam es im Winter zu Eisschollendruck an ungewohnter Stelle. Es gab einen großen Schaden am Haus; der jedoch konnte ausgebessert werden. Die Ausbesserung scheint zu halten. Jedoch hat eine Koryphäe nachgemessen, und sie hat das Haus für einsturzgefährdet erklärt. Nun darf der Mann seine Gewerberäume nicht mehr betreten. Natürlich liegen da seine Waren und seine Arbeitsgeräte, er kann sie nun nicht verkaufen, nicht nutzen. Kann er mit Entschädigung rechnen? Nicht, wenn höhere Gewalt die Ursache ist. Sind aber nicht vielmehr städtische Baumaßnahmen die Ursachen der Schäden? Man kann sich das wohl denken; doch nachweisen läßt es sich weniger leicht. Der Mann müßte klagen, mit ungewissem Ausgang und hohem Prozeßkostenrisiko. Und gegen wen? wer wäre dann eigentlich rechtlich verantwortlich? Der Mann müßte es wissen, bevor er den Prozeß anstrengt – gegen den Falschen zu klagen würde eine teure Prozeßniederlage mit sich bringen.
Wollte er allerdings seine Waren und Arbeitsgeräte auf eigene Gefahr bergen – diese Gefahr wäre sicher nicht sehr groß, neue Schäden haben sich ja bisher nicht gezeigt –, so drohte ihm eine beträchtliche Geldbuße.
Man vergleiche eine andere Nachricht aus ebendieser Zeit:
30. Mai 2010
Wegen der Gefährdung des Luftverkehrs durch isländische Vulkanasche hatten die europäischen Flugaufsichtsbehörden umfangreiche Flugverbote verhängt. Hätten die Fluggesellschaften fliegen lassen, so wäre Gefahr für Leib und Leben nicht der Verantwortlichen, sondern von Fluggästen zu befürchten gewesen. So erschienen diese Flugverbote notwendig.
Darauf aber kündigte eine Billigfluggesellschaft zusammen mit anderen Gesellschaften eine Sammelklage an, um von den europäischen Flugaufsichtsbehörden Ausgleichszahlungen für die Folgen der Flugverbote zu erreichen. Zwar ist Vulkanasche höhere Gewalt, für die Behörden nicht zu haften brauchen, aber die Fluggesellschaft findet, daß «sich im Nachhinein herausstellt, dass die Schließung in der Größenordnung nicht nötig war». Ob solche Flugverbote wirklich notwendig waren, ist natürlich selbst «im Nachhinein» nicht einfach zu klären, um wieviel weniger schon vorher, dann, wenn die Entscheidung getroffen werden muß.
Aber die Klage könnte dennoch erfolgreich sein – schließlich haben die Fluggesellschaften gute Rechtsabteilungen. Für die Flugaufsichtsbehörden freilich würde ein Erfolg der Klage bedeuten, daß es für sie finanziell bedenklich würde, entschiedene Maßnahmen für die Sicherheit der Fluggäste zu ergreifen.
Zwar hätte der obersächsische Gewerbetreibende moralisch sehr viel mehr für sich anzuführen: bei ihm ginge es, wenn er versuchen würde, seine Waren und Werkzeuge zu bergen, nicht um die Sicherheit von Kunden, und die Gefahr dabei wäre doch wohl deutlich geringer als die von Fluggästen inmitten der Vulkanasche. Doch hat er keine gute Rechtsabteilung, auch keinen soliden Etatposten für Prozesse; für ihn ist es riskant, sein Recht auf dem Rechtsweg zu suchen.
W.H.W
• Reden Sie mit! •
• Orietur Occidens •
Trennung von Staat und Kirche
Eine in Italien wohnende Finnin hat gegen die Republik Italien vorm Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte darauf geklagt, die Kreuze aus staatlichen Schulen zu entfernen. Einen Schein von Rechtfertigung erhält ihre Klage dadurch, daß in Italien Staat und Kirche laut Verfassung getrennt sind.
Aber es ist nur ein Anschein. Zweierlei steht dagegen:
I. Schule ist nicht möglich, ohne daß dort Erziehung geschieht. Erziehung aber kann nicht religiös neutral sein. Eine staatliche Schule, die die Religion ausschließen wollte, würde ipso facto gegen die Religion anerziehen, damit eine laïzistische Kontrareligion verbreiten. Das wäre keine Trennung von Staat und Kirche, sondern Kampf des Staates gegen die Kirche (
wie er ja hierzulande durchaus nicht selten stattfindet).
II. Trennung von Staat und Kirche kann nur heißen: Trennung der Institutionen. Nicht gemeint sein kann die Kirche im geistlichen Sinn; Angehörige der Kirche bleiben ja Bürger des Staates, die meisten Staatsbürger gehören der Kirche an. Nun ist aber das Kreuz nicht Symbol der Kirche als Institution, sondern des christlichen Glaubens. Der aber fällt nun nicht unter die Trennung von Staat und Kirche.
W.H.W
• Reden Sie mit! •
• Orietur Occidens •
Die Ethik der Ethikkommissionen
«Aufklärung genetischer Ursachen der psychomotorischen Entwicklungsstörung» heißt eine Studie des «Netzwerks Mentale Retardierung» (MRNET); Mütter und Väter von Kindern mit geistiger Behinderung werden gebeten, ihre Kinder dafür zur Verfügung zu stellen, einzuwilligen, daß diesen zwecks genetischer Analyse eine Blut- oder Gewebeprobe entnommen wird. Dabei sollen die Eltern auf jedwede Ansprüche auf Vergütung, Tantiemen oder Gewinne verzichten, welche die Forschung mit jenen Blut- oder Gewebeproben einbringen könnte. Einen gesundheitlichen Nutzen stellt die Einwilligungserklärung den Teilnehmern nicht in Aussicht.
Das ist fremdnützige Forschung mit nichteinwilligungsfähigen Menschen, wie die Bundesvereinigung Lebenshilfe festgestellt hat; diese ist unethisch und gilt hierzulande als nicht erlaubt.
Der Leiter der Studie und MRNET-Koordinator traf sich zwar mit einer Frau vom Vorstand der Lebenshilfe, aber ergebnislos; auf weitere Anfragen der Lebenshilfe reagierte das MRNET nicht mehr. Der tageszeitung aber
(die ich hier großflächig zitiere) erklärte der Leiter der Studie, die Bedenken der Lebenshilfe seien «eine persönliche Meinung» der Frau vom Vorstand der Lebenshilfe, «die in der ethischen Diskussion als „Randposition“ betrachtet werde», «neun Ethikkommissionen an allen beteiligten Studienstandorten hätten das Projekt vorab „begutachtet und als unbedenklich beurteilt“».
Legalität wird also nicht als bedeutsam betrachtet; und an die Stelle der Ethik gilt die Mehrheitsmeinung von Ethikkommissionen; dem, der begründet anderer Meinung ist, wird demgegenüber nur «eine persönliche Meinung» zuerkannt, die – welch ein ethisches Argument! – als «Randposition» abgetan wird.
Tatsache aber ist, daß Menschen, die selbst nicht einwilligen können und die keinen therapeutischen Nutzen davon haben werden, Blut- oder Gewebeproben entnommen werden sollen; wenn sich mit den Ergebnissen aber Geld verdienen läßt, sollen das andere bekommen – eben das MRNET. Ethik der Ethikkommissionen!
Außerdem: Wenn Geld damit zu verdienen ist, dann beispielsweise durch Pränataldiagnostik, wie das MRNET selbst
angedeutet hat. Pränataldiagnostik von geistigen Behinderungen aber bedeutet in der Folge: Tötung behinderter ungeborener Menschen. Und ich kenne die Regelung von Krankenkassen, daß die Kasse zwar die Pränataldiagnostik bezahlt – aber bei einem positiven Ergebnis nur, wenn daraufhin auch eine Abtreibung durchgeführt wird. Wissen das die Ethikkommissionen etwa nicht?
Als Psychotherapeut stehe ich oft vor der Frage: will jemand Therapie machen, um sich mit deren Hilfe zu ändern, oder will er sie machen, um sich nicht ändern zu müssen? Ebenso gibt es die Frage: konsultiert jemand eine Ethikkommission, um sich mit deren Hilfe ethisch zu verhalten, oder konsultiert er sie, um sich nicht ethisch verhalten zu müssen?
P.S.: Wichtigster Finanzier des MRNET ist das Bundesforschungsministerium. Es wurde von der Lebenshilfe über diese Affaire informiert. Die Ministrin teilte daraufhin mit, daß das Lebenshilfe-Schreiben ihr Haus veranlaßt habe, den Projektleiter «nochmals auf seine ärztliche und juristische Verantwortung» aufmerksam zu machen. Das war’s.
W.H.W
• Reden Sie mit! •
• Orietur Occidens •
Marktwirtschaft auf den Spuren der Planwirtschaft
In einer kleinen niedersächsischen Ortschaft ist ein Schlachthof geplant, in dem jährlich 130 Millionen Hühner geschlachtet werden sollen. In
einem Kommentar in der tageszeitung beschreibt Jost Maurin die absehbaren Folgen, nicht nur für den Ort – «täglich mehr als 100 Lastwagen» –, sondern für die bäuerliche Landwirtschaft überhaupt:
«Die Bauern verlieren in diesem System an Unabhängigkeit, das zeigen die Erfahrungen an anderen Standorten. ... Schon jetzt ist absehbar, dass die großen Mastanlagen mehr produzieren werden, als Hähnchenfleisch verkauft werden kann. ... Die Folge ist ein Verdrängungswettbewerb, in dem nur die größten Unternehmen überleben, die am billigsten produzieren. Viele kleine Familienbetriebe werden auf der Strecke bleiben, die Konzentration wird zunehmen. So ist es auch in anderen Bereichen der Landwirtschaft – ob bei der Milch oder beim Schweinefleisch. Irgendwann leiden darunter auch die Verbraucher, denn wenige Konzerne legen dann Qualität und Preise fest.»
Die Erfahrungen an anderen Standorten, auf die er verweist: die Bauern «liefern meist ausschließlich an einen Schlachthof und müssen das Futter von derselben Firma beziehen». Abhängigkeit von der Zentrale, Enteignung, dort durch politischen, hier durch wirtschaftlichen Druck – die Bauern erleben in der freien Marktwirtschaft das gleiche wie einst in der sozialistischen Planwirtschaft.
W.H.W
• Reden Sie mit! •
• Orietur Occidens •
Die Macht der Popindustrie
Durch amerikanische Krankenhaus- und Forensikserien werden deutsche Mädchen animiert, technische Berufe zu ergreifen,
so lese ich; deutsche Serien und Soaps leisten das nicht. Das hat eine Studie der Technischen Universität Berlin ergeben.
Was sie nun studieren mögen, soll man, meine ich, den jungen Damen selbst überlassen. Was mich aber beunruhigt, ist die Macht, die eine triviale Fernsehindustrie über Menschen, über ihre Einstellungen, über ihr Leben ausübt.
W.H.W
• Reden Sie mit! •
• Orietur Occidens •